Wochenkommentar
Wir drücken die Daumen – auch uns allen

Wochenkommentar zu Gewalttätern und solchen, die es werden könnten

Theodor Eckert
Theodor Eckert
Merken
Drucken
Teilen
Was kann man tun gegen Gewalttäter? (Symbolbild)

Was kann man tun gegen Gewalttäter? (Symbolbild)

Keystone

Er schreibt: «Wie Hunderttausende habe ich immer mehr Verständnis für Leute wie Friedrich Leibacher, der Mitte September 2001 bewaffnet ein Gebäude betrat und den Laden säuberte.» Zudem: «Interessant, dass angeblich die ganze Welt empört ist, weil Indonesien acht Todesurteile vollstreckt hat (...), egal ob Dealer, Mörder, Pädophile und so weiter, Indonesien hat das einzig Richtige gemacht; Hut ab.»

Dies sind lediglich zwei Einsendungen, die uns als Leserbriefe zugesandt wurden. Beide stammen vom gleichen Verfasser, der sich zusätzlich noch mindestens so abschätzig über Juden ausgelassen hat. Geschrieben hat sie der Trainer eines Sportvereins in unserer Region. Er arbeitet mit Jugendlichen zusammen.

Der Fall Leibacher dürfte vielen noch in schrecklicher Erinnerung sein. In Zug hat der schwerbewaffnete Amoktäter ein Blutbad angerichtet, als er im Kantonsparlament wild um sich schoss. 14 Menschen verloren ihr Leben.

Besorgnis beim zuständigen Leserbrief-Redaktor. Er schlägt Alarm mit den Worten: «Dieser Herr schreibt regelmässig. So langsam beschleicht mich das Gefühl, man müsste die Öffentlichkeit vor diesem Mann schützen.» Verständlich. Die Frage stellt man sich unweigerlich: Ist der Jugendtrainer ein potenzieller Nachahmungstäter oder will er sich bloss verbal wichtigmachen? Wir wissen es nicht. Niemand weiss es, weil keine Abklärungen stattgefunden haben und bisher nichts passiert ist.

Wer kennt sie nicht, die Begegnungen mit zwielichtigen Zeitgenossen. Solchen, die einen das Blut in den Adern gefrieren lassen. Zum Glück sehen sie meist weit gefährlicher aus als sie in Tat und Wahrheit sind.

Doch es gibt auch die völlig unauffälligen, wandelnden Zeitbomben. Ab und zu geht eine los. Dann wird diskutiert, weshalb niemand das Unheil kommen sah. Gut möglich, dass die Behörden eine solche Person zwar auf dem Radar hatten, aber kein konkreter Anlass bestand – sich kein Gesetzesparagraf finden liess – präventiv einzugreifen.

Sie halten Augen und Ohren offen

Der Kanton Solothurn darf sich rühmen, über ein Bedrohungsmanagement zu verfügen. Das ist nicht landesweit der Fall. Spezialisten der Polizei halten im Rahmen dieses Projekts ein Auge auf einschlägig bekannte Gewalttäter oder solche, die es noch werden könnten.

Gemäss unseren Nachforschungen im vergangenen Jahr standen damals tatsächlich vier Personen unter regelmässiger Beobachtung. Können wir somit ruhig schlafen? Grundsätzlich ja. Denn das Risiko, als Zufallsopfer einer Gewalttat ausgesetzt zu werden, ist am Jurasüdfuss vergleichsweise gering.

Aktuelle Fälle

Diese Woche endete im Hauptbahnhof Solothurn eine Schussabgabe tödlich. Das Beispiel zeigt, dass Beziehungsdelikte weit häufiger vorkommen. Das heisst indes nicht, dass in der Bevölkerung keine diffusen Ängste vorhanden sind. Längst nicht immer muss es dabei gleich um Mord und Totschlag gehen.

Das Beispiel des St.-Ursen-Brandstifters spricht Bände. Der Mann ist mehrfach mit Aktionen in der Öffentlichkeit unangenehm aufgefallen. Nach der Brandlegung in der Solothurner Kathedrale wurde er aus dem Verkehr gezogen. Bis zu dieser Woche. Der Freilassung vorausgegangen war ein langfädiges, intensives Gerichts- und Experten-Hickhack.

Die aktuelle Zerstörung seiner Gefängniszelle hatte darauf keinen Einfluss. Ein Haftgrund sei deshalb nicht gegeben, heisst es offizieller Seite. Wie gross das Potenzial an Selbst- und allenfalls Fremdgefährdung dieses Mannes heute ist, kann schlichtweg niemand genau quantifizieren. Mit andern Worten, wir drücken ihm und uns allen die Daumen. Ironie der Geschichte:

Ein anderer auffälliger Mitbürger setzte sich derart vehement für die Freilassung des Brandstifters ein, dass er letztlich gleich selber hinter Gitter gelandet ist. Er musste lernen, dass man Gerichtsschreiber nicht ins Gesicht schlägt und Richter nicht in die Hand beisst.

Zumindest nicht ungestraft. Noch sitzt er ein. Noch ist seine Zelle intakt. Eines Tages spaziert auch er wieder der Aare entlang. Wird er wieder beissen und schlagen oder ...? Auch in diesem Fall heisst es Daumen drücken, auf ein günstiges Umfeld hoffen und darauf vertrauen, dass man beim kantonalen Bedrohungsmanagement hellwach ist.