Analyse Stadt Grenchen
Wie ruhig kann es noch werden in Grenchen?

Das politische Klima in der Uhrenstadt hat sich merklich verbessert. «Fast hatte man bisweilen den Eindruck, das Gremium habe einen Nachholbedarf an Harmonie», schreibt Andreas Toggweiler in seiner Analyse.

Andreas Toggweiler
Andreas Toggweiler
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Die Witi im Raureif strahlt zurzeit viel Ruhe aus. Die Politik auch.

Die Witi im Raureif strahlt zurzeit viel Ruhe aus. Die Politik auch.

Andreas Toggweiler

Viele haben nach dem denkwürdigen Wahlgang am 22. September 2013 hörbar aufgeatmet, aber fast gleich viele haben die Stirn in Runzeln gelegt. Grenchen kann in diesen Tagen auf das Jahr 1 nach dem politischen Führungswechsel zurückschauen. Im Grossen und Ganzen kann man sagen: Eine riesige Umwälzung ist in der Stadt in dieser Zeit nicht passiert. Sie war auch nicht zu erwarten. Mit einer Ausnahme: Das politische Klima hat sich spürbar verbessert. Das zeigte sich insbesondere darin, dass die politischen Sieger sich den Triumphalismus meistens verkniffen haben. Und gleichzeitig machen die Unterlegenen nicht auf Obstruktion, sondern auf konstruktive Opposition.

Damit wurde die Voraussetzung geschaffen, dass die Stadt und ihre Behörden in politisch ruhigeres Fahrwasser einbiegen konnten. Nach aussen am sichtbarsten hat sich das in der Diskussionskultur der Gemeinderatssitzungen gezeigt. François Scheidegger sorgte bisher dafür, dass alle zu Wort kommen. Gehässigkeiten oder Ausfälle gegen Personen kommen zwar noch gelegentlich vor, sind aber die Ausnahme geworden. Fast hatte man bisweilen den Eindruck, das Gremium habe einen Nachholbedarf an Harmonie. Der sei ihm vorerst zu gewähren. Das Seilziehen um sich ankündigende Sparübungen wird dem schon bald ein Ende setzen.

Auch hat sich gezeigt, dass das direktdemokratische Korrektiv nach wie vor funktioniert. Zu jeder Zeit kann das Volk der Behörde in die Parade fahren, wie die Gemeindeversammlung Anfang Monat eindrücklich gezeigt hat. Die geplante Erhöhung der Personalsteuer wurde vom Souverän hochkant abgelehnt. Wenn allerdings alle gewusst hätten, wie viele steuerpflichtige Grenchnerinnen und Grenchner effektiv keine Steuern bezahlen, wäre das Resultat vielleicht anders ausgefallen. Doch niemand hat in der Diskussion diesen Umstand erwähnt. So kann ein Zuviel an Harmonie auch dazu führen, dass grundlegende Probleme unter den Teppich gewischt werden. Dies gilt es in Zukunft zu verhindern. Es braucht ab und zu jemanden, der aufsteht und Klartext redet.

Das Umgekehrte ist in diesem Jahr aber auch vorgekommen. Eine Reorganisation des Schul-Managements wurde beinahe zu einer Angelegenheit auf Leben und Tod heraufstilisiert. Das ist einfach übertrieben, auch wenn man einräumen muss, dass die Grenchner Schulen wohl auch mit dem bisherigen System gut weiterfunktioniert hätten. Dass eine politische Mehrheit ein Wahlversprechen einlösen will, ist anderseits ebenso verständlich. Grenchen wird jedenfalls in den nächsten Jahren weit wichtigere Probleme Lösen müssen.

Nebst den erwähnten dunklen Wolken am Finanzhorizont wird sich insbesondere zeigen, wie stark die «Technologiestadt im Grünen» gewillt ist, weiterhin geeint hinter zukunftsgerichteten Grossprojekten zu stehen. Eindrücklich ist jedenfalls die bisherige politische Allianz hinter dem Windpark, aber auch hinter der Verlängerung der Flughafen-Piste. Mehr als anderswo ist die Wirtschaft im Grenchner Bewusstsein verankert. Denn letztlich ist sie es, die Wohlstand schafft.