Gastkolumne
Wenn Kinder uns den Spiegel vorhalten

Daniel Probst
Daniel Probst
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Im Oltner Säli-Quartier geht es multikulti zu.

Im Oltner Säli-Quartier geht es multikulti zu.

Bruno Kissling

Haben Sie sich schon einmal gefreut, als Sie im Bus einen jungen Mann mit dunkler Hautfarbe beobachtet haben, wie er im vertrauten Oltner Bahnhofdeutsch mit Gleichaltrigen parlierte? Oder finden Sie es auch immer wieder schön, wenn Leichtathletin Mujinga Kambundji im breitesten Berndeutsch über ihre Schweizer Sprintrekorde spricht?

Sind Sie dann jeweils auch ein bisschen stolz über die Integrationsleistung der Schweiz und wie wir es als kleines Land immer wieder schaffen, junge Menschen, egal welcher Herkunft, zu integrieren, sodass sie sogar unseren Dialekt sprechen? Haben Sie in solchen Momenten auch schon gedacht, dass die Schweiz ein besonderer Ort ist, zu dem wir Sorge tragen müssen?

In der Schweiz leben zu dürfen, ist ein Privileg. Ob wir nun zufällig hineingeboren oder weniger zufällig eingewandert sind. Sicherheit ist für uns seit drei Generationen eine Selbstverständlichkeit, sodass einige von uns sogar davon träumen, die Armee abzuschaffen oder zumindest in einem ersten Schritt deren Luftwaffe. Für andere scheint der Wohlstand auf den Bäumen zu wachsen, sodass sie schamlos behaupten, wir könnten am Ast sägen, auf dem wir sitzen und unsere langjährigen bilateralen Verträge mit der Europäischen Union aufs Spiel setzen, ohne dass es uns nachher schlechter geht.

Aber zurück zum Mann im Bus und zur Sprinterin aus Bern. Als ich kürzlich meiner 11-jährigen Tochter erzählte, wie schön ich es finde, diese jungen Menschen Mundart sprechen zu hören, konnte sie mir nicht folgen. Sie fragte mich, was ich denn Besonderes daran finde, dass ein Oltner Junge Oltner Dialekt und ein Berner Mädchen Berndeutsch spricht. Als ich ihr erklärte, dass die beiden ja offensichtlich ursprünglich aus dem Ausland stammen und ich mich deshalb mit ihnen freue, dass sie in unserer Gesellschaft angekommen bin, merkte ich schnell, dass ich auf dem Holzweg bin.

Meine Tochter hielt mir, unterstützt von ihrem 13-jährigen Bruder, einen Vortrag über das Normalste der Welt. Nämlich dass für sie ein Schweizer und ein Oltner ist, wer in der Schweiz und in Olten geboren ist, egal woher seine Eltern oder Grosseltern kommen. Schweizerdeutsch reden sie in ihrer Klasse alle. Ihre Klassengspänli unterscheiden sie nach gross und klein, nach Haar- und Augenfarbe und nach nett und blöd. Die Hautfarbe als Unterscheidungsmerkmal ist ihnen nicht einmal bekannt.

Ich fühlte mich ertappt, gleichzeitig stolz und glücklich. Unsere Kinder sind im Säliquartier, einem Multikultiquartier mit einem Multikultischulhaus, aufgewachsen. Meine Frau und ich haben uns damals als junge Eltern bewusst für dieses Quartier entschieden. Wir wollten, dass unsere Kinder die kulturelle und ethnische Vielfalt, die Olten bei 19'200 Einwohnerinnen und Einwohnern mit einem Ausländeranteil von 30 Prozent und 114 Nationen zu bieten hat, von Grund auf aufsaugen können. Erst jetzt haben wir realisiert, welch wunderbare Wirkung unser damaliger Entscheid inzwischen entfaltet hat.

Als privilegierte Menschen sind wir es gewohnt, die Welt so zu sehen, wie sie uns gefällt und wie wir sie auf uns ausgerichtet sehen. Wir merken oft gar nicht, wie wir ungewollt Ausgrenzung produzieren, wenn wir bestimmte Fähigkeiten und Charaktereigenschaften bestimmten Menschen zuordnen. Zum Glück halten uns die Kinder bisweilen den Spiegel vor. Ich wünsche mir, sie hören nie damit auf.

Daniel Probst aus Olten ist Direktor der Solothurner Handelskammer