Ereignisreiche Tage
Wenn das Leben leichter wird und die Zungen schwerer werden

Der Wochenkommentar zu ereignisreichen Tagen im sonst eher beschaulichen Solothurner-Land.

Theodor Eckert
Theodor Eckert
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Alex Künzle erklärt Stadtpräsident Kurt Fluri und Gastkünstler Philipp Galizia seine Sicht des Biers. Hanspeter Bärtschi

Alex Künzle erklärt Stadtpräsident Kurt Fluri und Gastkünstler Philipp Galizia seine Sicht des Biers. Hanspeter Bärtschi

Hanspeter Baertschi

Sie haben sich in all den Jahren noch nie auf die Solothurner Biertage eingelassen, und daran wird sich bis heute Abend nichts ändern? Auch die 14. Austragung Fêtes de Gerstensaft hat Sie somit nicht locken können. Vielleicht interessiert Sie trotzdem, was Sie am Auftakt verpasst haben. Zumindest während der Zeit, in der sich die Ambassadorenstadt noch im Tageslicht präsentierte. Was die späteren Abendstunden jeweils hergeben, wenn Hopfen und Malz ungehemmter durch die Kehlen fliessen, lassen wir mal beiseite. Die Unterschiede zu einem Bierzelt auf Mallorca sind dann marginal: Allen erscheint das Leben leichter und die Zungen werden schwerer. Selbst die Feinheiten des Gebräus der engagierten Kleinbrauer verlieren zu vorgerückter Stunde an Faszination.

CVP sorgt für Stirnrunzeln

Nun, zugegebenermassen waren diese Woche relevantere Dinge zu verzeichnen als das Stelldichein der Bierfreunde. So wurde beispielsweise in Grenchen eine Berufsmesse eröffnet, an der 1600 Jugendlichen in vier Betrieben Gelegenheit geboten wurde, sich über 18 Berufe zu informieren. Oder die Solothurner Spitäler haben sich zwar über ein ordentliches Geschäftsjahr 2015 gefreut, sehen aber weniger zuversichtlich in die Zukunft, weil angesichts ständig steigender Kosten schwarze Zahlen nicht garantiert seien. Wir haben auch zur Kenntnis nehmen müssen, dass der Regierungsrat wenig bis nichts von einem Schulfach «Politische Bildung» hält. Auch bezüglich der trägen Solothurner Ausgleichskasse mag sich die Regierung nicht wirklich bewegen. Die leidigen Missstände und die weiterhin unerfreulichen Pendenzenberge werden mehr oder weniger toleriert. Handlungsbedarf beim lethargischen Aufsichtsgremium scheint nicht angezeigt.

Erfreulich eine Meldung aus dem Wasseramt: Die Schliessung der Lehrwerkstatt bei Stahl Gerlafingen endet für die 13 Lernenden weniger dramatisch als anfangs befürchtet. Sie können ihre Stifti anderswo fortsetzen. Positiv ebenfalls die 9-Millionen-Investition der Credit Suisse in ihren Sitz in Solothurn. Zudem eine Erfolgsmeldung aus dem Regionalsport: Die Solothurner Handballer haben es dieses Jahr doch noch geschafft, in die zweithöchste Liga aufzusteigen. Unter die Rubrik «skurril» fällt dafür die Ankündigung, dass ein Grenchner Fussballoriginal mit 800 000 Franken die Chaotentruppe des FC Biel retten wollte. Über Nacht hat er es sich allerdings anders überlegt. Der Tatbeweis ist ihm dann ohnehin erspart geblieben, da dem Verein die Spiellizenz entzogen wurde. Sachen gibts. Ebenfalls nicht ganz ohne, die CVP Kanton Solothurn. Sie sträubt sich gegen genetische Tests an Embryonen bei künstlichen Befruchtungen und stellt sich damit gegen die Mutterpartei. Ein Entscheid, den nicht bloss Paare mit schweren Erbkrankheiten mit Stirnrunzeln zur Kenntnis nehmen.

Zukunftsgerichtet dagegen ein Naherholungsgebiet, das an der Aare beim Neubau des US-Giganten Biogen in Luterbach entstehen soll. Das ist Musik. Eher atonal die jüngste Botschaft aus dem Rathaus: Die Regierung sagt Ja zum Fernwärmezwang in der Stadt Solothurn. Gemeinden können nun also ihren Bürgern vorschreiben, wie die Beheizung neuer Liegenschaften erfolgen soll.

Schwarzbube ohne Weissbier

Wie auch immer, kehren wir zurück in die Solothurner Rythalle, wo Umtrunk-
Initiant Alex Künzle am Donnerstag die Zapfhahnen freigab. Die Gästeschar bei der offiziellen Eröffnung wird immer grösser, schliesslich gibts Speis und vor allem Trank kostenlos. Was allerdings den Künstler-Auftritt in diesem Rahmen nicht einfacher macht. Bitter für diejenigen, welche einen Hauch Kultur einbringen sollten, derweil sich die Eingeladenen mindestens so aufmerksam vollen Gläsern und Tellern sowie Gesprächen mit Tischnachbarn zuwenden. In diesem Jahr besonders augenfällig: die Lücken bei den politischen Schwergewichten. Fehlt sonst vor Wahlen kaum ein Eidgenosse, lässt sich von Amtes wegen Kurt Fluri kurz blicken, derweil Neo-Nationalrat Christian Imark mehr Sitzleder beweist. Der Verdacht liegt nahe, dass er den Frust über den undankbaren vierten Rang am diesjährigen Parlamentarier-Skirennen hinunterspült. Für die nächste Austragung habe er das Podest im Visier.

Zuversichtlich gibt sich auch einer der Könige unter den Handwerkern, der weiterhin an die angezählte Wasserstadt glaubt, während der Kommissions-Chef der angeschlagenen Solothurner Pensionskasse wesentlich bessere Laune zu haben scheint, als es die Situation vermuten liesse (vom heutigen Artikel hatte er allerdings noch keine Kenntnis). Und selbst der neue, für seine bissigen Randbemerkungen bekannte Präsident des Solothurner Kuratoriums gibt sich überraschend versöhnlich. Bier scheint ungeachtet des frostigen Aprils die Herzen erwärmt zu haben. Apropos Temperaturen – als ein Anwalt vorbeischreitet, um sein Glas nachzufüllen, meint ein Witzbold, er werde seine Sommerferien wohl in Panama verbringen. Prosit, falls Sie sich heute doch noch ein Bier genehmigen gehen.

heodor.eckert@azmedien.ch