Filmtage und Schweizer Film
Weniger Bescheidenheit, bitte

Wochenkommentar über die Solothurner Filmtage und ihre Bedeutung für den Schweizer Film

Fränzi Zwahlen-Saner
Fränzi Zwahlen-Saner
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Besucher an den 51. Solothurner Filmtagen.

Besucher an den 51. Solothurner Filmtagen.

Hanspeter Bärtschi

Das Warten auf die 52. Solothurner Filmtage hat begonnen; die eben zu Ende gegangene Ausgabe haben wir abgehakt. Die 65 000 Eintritte bedeuten einen leichten Rückgang gegenüber dem Jubiläumsjahr. Wir Solothurner sind dennoch zufrieden, wir sind ja bescheiden. Schliesslich stösst das Aarestädtchen wegen der Filmtage eine Woche lang im Januar in der Schweizer Medienlandschaft auf viel mehr Beachtung als zur restlichen Zeit. Jeweils ein Bundesrat, der zur Eröffnung kommt – dieses Jahr zum zweiten Mal hintereinander Alain Berset–, kann begrüsst werden. In den Spielstätten ist viel Betrieb, in den vielen Beizen und Foyers gehts hoch zu und her.

Nach den acht anstrengenden Tagen ist man zufrieden. Doch immer ist man auch etwas enttäuscht, auch wenn man es nicht gerne zugibt, denn jeder weiss: Der Schweizer Film hat beim Durchschnitts-Kinogänger einen schweren Stand. Filme, die in Solothurn noch mit Applaus bedacht wurden, werden später an den Kinokassen richtiggehend ignoriert.
Was will denn das Kinopublikum eigentlich? Ganz einfach: Es will unterhalten werden. Das erkannten beispielsweise die Veranstalter des seit 11 Jahren stattfindenden Zurich Film Festival. Schon Tage bevor das Festival jeweils im September in der Limmatstadt über die Bühne geht, sind Heftli und Äther voll davon. Dort werden internationale Filmproduktionen, möglichst Premieren, gezeigt und es steht auch schon mal ein Arnold Schwarzenegger oder ein Silvester Stallone auf dem roten Teppich herum. Es gibt Blitzlicht-Gewitter und Kreisch-Alarm.

«Solothurn» will nicht so sein, braucht es auch nicht. Hier sollen tatsächlich der Schweizer Film und seine Protagonisten in Szene gesetzt werden. Dieses Jahr waren es neben den Filmen die Schweizer Schauspieler und die Schweizer Casting-Agenturen. In Solothurn hat auch noch Politik und nicht nur Kommerz Platz. So geschehen, als die Künstlerplattform «Kunst und Politik» mit einer Spontanmedienkonferenz gegen die Durchsetzungsinitiative einladen konnte. Das alles ist doch genauso spannend wie ein alternder Hollywood-Star.

Sind wir denn nun neidisch auf Zürich und sein grosses Glamour-Festival? Bestimmt nicht. Doch es muss in Solothurn alles unternommen werden, dass sich der Schweizer Film viel besser beim Schweizer Kinopublikum präsentieren kann. Es gibt nicht jedes Filmjahr «Heidi» und «Schellen-Ursli».

Wer braucht Nominationen?

Die Forderung: Die Verleihung des Schweizer Filmpreises soll wieder anlässlich der Solothurner Filmtage durchgeführt werden. Hatten wir doch schon mal? Erinnern Sie sich? Vor noch nicht allzu langer Zeit lagen sich der Vorgänger von Ivo Kummer im Bundesamt für Kultur, Nicolas Bideau, und der damalige Direktor der Solothurner Filmtage, eben der heutige Bundes-Filmchef Ivo Kummer, alljährlich in den (noch wenigen) Haaren, wegen dieser Preisverleihung. «Zu wenig Glamour» ortete Bideau damals in Solothurn und tat alles dafür, den Solothurnern, welche diese Preisverleihung 1998 zum ersten Mal durchführen konnten, zu vergraulen.
Seit 2009 werden an den Solothurner Filmtagen lediglich noch die Nominationen für die Schweizer Filmpreis-Kategorien durch die riesige Zahl der Mitglieder der Schweizer Filmakademie bekannt gegeben. Und zwar in einer Veranstaltung, die sich «Nacht der Nominationen» nennt. Interessieren Nominationen das Kinopublikum?

Die Preisverleihung interessiert. Diese findet diesen März – wen wunderts – im Zürcher Schiffbau statt. Mit so viel Glamour, wie die Schweizer Filmszene halt hergibt. Übrigens: Jedes Jahr wird diese Preisverleihung abwechselnd in der Deutschschweiz und in der Romandie durchgeführt, um den «Austausch zwischen der Deutsch- und Westschweiz zu fördern und zu zeigen, dass gute Filme keine Grenzen kennen». Solothurn-Soleure?

Resolut auftreten tut not

Zurück an die Filmtage: Bundesrat Alain Berset sprach in seiner Eröffnungsrede von den Alpen, welche das Leitmotiv unseres Selbstverständnisses seien, und sie hätten massiv auf unser Wesen abgefärbt. Der «Homo alpinus» sei «gesund und kräftig, redlich und gerecht, mutig und tapfer» – und «natürlich bescheiden», zitierte er einen Naturforscher aus dem 17. Jahrhundert. Bescheidenheit: Das trifft auch auf die Bewohner am Jurasüdfuss zu. Gar Regierungsrat und Landammann Roland Fürst bezeichnete in seiner Schlussrede der Filmtage die Bescheidenheit als eine Tugend der Solothurner, und so fragt sich: Wäre etwas weniger Bescheidenheit nicht doch wichtig und richtig? Sollte man nicht resolut auftreten und beim Filmchef des Bundesamtes für Kultur, besagtem Ivo Kummer, die Forderung stellen, die Verleihung der Schweizer Filmpreise wieder anlässlich der Solothurner Filmtage durchzuführen?

So könnte er auch die Scharte auswetzen, Bideau unterlegen gewesen zu sein.