Gastkolumne
Unterkühlt

Sarah Koch, Leiterin kantonale Wirtschaftsförderung
Drucken
Teilen
Während des Lockdowns ist auch die Aussenwelt frostiger geworden. Nachfrage und Konsumgelüste sind arg zurückgegangen. (Symbolbild)

Während des Lockdowns ist auch die Aussenwelt frostiger geworden. Nachfrage und Konsumgelüste sind arg zurückgegangen. (Symbolbild)

KEYSTONE/AP/AW

Vielleicht geht es Ihnen ähnlich – das eigene Gefrierfach stellt ein Sammelsurium an Produkten dar, welche einfach mal auf Eis gelegt wurden und dort bis zur nächsten Nachfrage ausharren. Das nachgelagerte Auftauen setzt eine gewisse Planung voraus, damit die Tiefkühlprodukte im entscheidenden Augenblick und in der richtigen Qualität und Menge wieder verfügbar sind. Und wir wissen: Ein fast verdorbener Fisch wird auch nach dem Auftauen nicht besser.

So ähnlich vielschichtig verläuft aktuell der Auftauungsprozess der schweizerischen Volkswirtschaft. Der Bund hat die wirtschaftlichen Strukturen während der Lockdown-Phase der Covid-19-Pandemie rigoros eingefroren. Insbesondere mit dem Instrument der Kurzarbeit wurden zahlreiche Unternehmen in einen überbrückenden Dornröschenschlaf versetzt. Für viele Unternehmen stellten die Massnahmen während der Zeit im Covid-19-Kühlfach eine wirksame Notwendigkeit dar, um einigermassen durch den Lockdown zu kommen.

Während des Lockdowns ist auch die Aussenwelt frostiger geworden. Nachfrage und Konsumgelüste sind arg zurückgegangen. Die Wirtschaft taut daher nur langsam wieder auf und steht veränderten Rahmenbedingungen gegenüber: Die Erbringung der Dienstleistungen und Angebote sind reglementiert und kontingentiert, die Frequenz für den Konsum unterliegt einer Person-pro-Fläche-Regel und gegessen wird in der Beiz nur noch coronakonform.

Eine Herkulesaufgabe! Mit der ernüchternden Folge, dass sich die Erbringung der Dienstleistung oder der Angebote teilweise nicht mehr rechnet, die Effizienz nimmt ab und die Kosten steigen.

Naheliegend ist es folglich, die Konsumgelüste nach der langen Durststrecke der Enthaltsamkeit im Konsum wieder etwas anzuheizen. Die Bestrebungen, vermehrt national und lokal zu produzieren und konsumieren, sind für das Überleben der Gewerbe- und Kulturbetriebe absolut zentral. Mittels lokaler «Schirm, Charme und Moneten»-Aktivitäten wie beispielsweise in Olten und anderen regionalen Vermarktungsangeboten wird Freizeit, Gewerbe und Live-Stream-Kultur in der eigenen Stadt und Region auch im Kanton Solothurn promotet. Diese Initiativen unterstützen die kleineren und mittleren Unternehmen beim Start in der neuen Aussenwelt.

Etwas schwieriger erscheint das Auftauen der grossen Produkte, welche zur Nachfrage ein internationales Bankett bedürfen. Damit die Nachfrage der grossen exportorientierten Unternehmen und der direkt abhängigen Zuliefererbetriebe wieder anläuft, muss das Konsumbegehren weltweit ansteigen. Die Schweiz verdient schliesslich zwei von fünf Franken im Aussenhandel – die funktionierenden, internationalen Absatzkanäle stellen somit eine dringende Notwendigkeit dar, um langfristig zahlreiche Arbeitsplätze und Wertschöpfung zu sichern.

Solange die Weltwirtschaft nicht an Fahrt gewinnt, wird uns der Auftauungsprozess mit seinen beängstigenden Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft noch lange beschäftigen. Auf das Einfrieren folgt womöglich gerade ein neuer Schock. Umso wichtiger ist es deshalb, dass wir unsere tragenden Säulen einer weltoffenen Handelspolitik jetzt nicht auch ins Gefrierfach verbannen.