Kommentar
Ungerecht, aber richtig

Balz Bruder
Balz Bruder
Merken
Drucken
Teilen
William W. am 3. Dezember 2020 vor dem Amtsgericht.

William W. am 3. Dezember 2020 vor dem Amtsgericht.

Bruno Kissling

Die Erwartungen der Öffentlichkeit, dass Recht gleich Gerechtigkeit bedeute – sie werden immer wieder von neuem enttäuscht. Das liegt in der Natur der Sache. Weil Gerichte nicht für die Gerechtigkeit zuständig sind, sondern für die Rechtsprechung.

Ein exemplarisches Beispiel dafür ist der Fall des Kinderschänders William W. Er wurde rückfällig. Er wurde verurteilt. Aber er wird nicht verwahrt. Auch wenn dies die Staatsanwaltschaft beantragte.

Man mag dem Amtsgericht Olten- Gösgen vorwerfen, das Urteil sei etwas gar mild ausgefallen. Aber der Vorwurf, es habe den Mut für eine Verwahrung nicht gehabt, ist nicht stichhaltig. Erstens ist Rechtsprechung keine Sache des Mutes. Und zweitens fehlten juristisch schlicht die Voraussetzungen.

Umgekehrt: Wäre die Verwahrung ausgesprochen worden, hätte es sich zwar rühmen können, ein «mutiges» Urteil gefällt zu haben. Aber es hätte mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keinen Bestand gehabt. Die Gründe dafür liegen in der Anklage selber und in den Teilfreisprüchen, die das Gericht aussprach.

Das reichte einfach nicht für die Verwahrung. Nicht für William W. und auch nicht für jeden anderen Straftäter. Das ist im vorliegenden Fall vielleicht nicht gerecht, aber es ist richtig. So unverständlich das auch anmuten mag. Und so schrecklich es sich für die Opfer anfühlt.

balz.bruder@chmedia.ch