Gastkolumne
Tummelplatz von Sterbehilfeorganisationen?

Gastkolumne zur Absicht der Regierung, das Wirken von «Exit» und Co. in Solothurner Alters- und Pflegeheimen zuzulassen.

Beat Künzli
Beat Künzli
Drucken
Teilen
«Wenn ein Arzt an mein Bett tritt, möchte ich sicher sein, dass sein einziges Interesse mein Leben ist», schreibt Beat Künzli.

«Wenn ein Arzt an mein Bett tritt, möchte ich sicher sein, dass sein einziges Interesse mein Leben ist», schreibt Beat Künzli.

Keystone/AP/THOMAS KIENZLE

Im Kanton Solothurn darf in Alters- und Pflegeheimen niemand durch eine Sterbehilfeorganisation in den Tod geschickt werden. Es gibt eine Weisung des Amtes für soziale Sicherheit, die es den Heimen verbietet, Dienste von Sterbehilfeorganisationen zuzulassen. Nun aber soll dieses faktische Verbot aufgehoben werden. Die Pflegeheime im Kanton Solothurn sollen selber entscheiden, ob sie Sterbehilfe in ihren Räumen zulassen wollen. Dies schlägt die sogenannte «Fachkommission Alter» des Kantons Solothurn vor. Nun nimmt der Regierungsrat dies zum Anlass, die noch gültige Weisung zu widerrufen und mit der Publikation eines Merkblatts den Heimen eine neue «Orientierungshilfe» zu geben.

Mich schauderts, daran zu denken, einmal im hohen Alter in einer solchen Todesanlage leben zu müssen. Wenn ein Arzt an mein Bett tritt, möchte ich sicher sein, dass sein einziges Interesse mein Leben ist.

Man stelle sich diesen Druck und die psychische Belastung auf die Betagten vor, anderen nicht zur Last zu fallen. Erst recht dann, wenn täglich Leute von Exit in den Räumen unserer Pflegeheime wandeln. Ja Pflegeheim, nicht Sterbeheim heissen diese Institutionen. Sie sind darauf ausgelegt, die pflegebedürftigen Betagten zu betreuen, zu begleiten und ihnen die Beschwerden soweit möglich erträglich zu machen. Deshalb tritt ein Betagter in eine solche Institution ein, weil er damit rechnet, dass er dort von Pflegerinnen und Ärzten liebevoll umsorgt wird. Darauf hat er auch Anspruch.

Die deutsche Politikerin Kathrin Vogler (Linke) hat einmal gesagt: «Ich will nicht in einer Gesellschaft leben, in der Menschen ihren Lebensunterhalt daraus gewinnen, anderen den Tod zu bringen. Es gibt keine Verpflichtung der Gesellschaft, den Weg in den Tod leicht zu machen.»

Ohne jegliche Diskussion soll die Sterbehilfe nun aber schleichend ausgeweitet werden. Ist es richtig, dass diese wichtige Thematik nur von «Fachgruppen» diskutiert wird, völlig ohne gesellschaftliche und politische Auseinandersetzung? Ich meine, es müsste eine breite Debatte darüber geführt werden.

Haben wir wirklich die Freiheit, Zeitpunkt und Form unseres Lebensendes selbst zu wählen? Ich glaube, wir haben in etwa genau so viel Freiheit, wie wir damals hatten, als wir den Zeitpunkt und den Ort unserer Geburt wählten. Wir müssen vielleicht bei aller Freiheitsliebe wieder lernen, dass wir halt doch nicht alles selber bestimmen können. Wir sollten damit aufhören, Gott zu spielen.

Es ist schade, dass in der öffentlichen Wahrnehmung jene Menschen als mutig gelten, die freiwillig in den Tod gehen. Sind nicht Menschen, die ihren kranken Verwandten bis zuletzt die Hand halten, die eigentlich Mutigen?

Wie wahr ist der Satz, den Michael Brand (CDU) in der Sterbehilfe-Diskussion im Deutschen Bundestag gesagt hat: «Auch bei Sterbehilfe schafft Angebot Nachfrage. Wer die Tür auch nur einen Spaltbreit öffnen hilft, der wird sie nicht mehr schliessen können.»

Ich wünsche mir, dass in unserem Land niemand durch die Hand eines anderen, sondern an der Hand eines anderen sterben darf. Ja, wir brauchen Mut zum Leben, keine Hilfe zum Sterben.

Beat Künzli. Der Autor ist Landwirt/ Aussendienst-Mitarbeiter und SVP-Kantonsrat. Der Vater von fünf Kindern lebt in Laupersdorf.

Aktuelle Nachrichten