Gastkommentar
So wird Berufsbildung untergraben

Ein Gastkommentar von Marianne Meister gegen den Versuch, Fachhochschulen zu «kleinen Universitäten» zu machen.

Marianne Meister
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In diesen Tagen Ende Oktober endet für die meisten der 2340 Lernenden, die im August 2014 ihre Berufslehre begonnen haben, die Probezeit. Sie haben den happigen Übergang von der behüteten Schulwelt in die Arbeitswelt mit Erfolg gemeistert.

Auch 44 Informatiker gehören dazu. Sie haben eine vierjährige anspruchsvolle Ausbildung vor sich. Das Niveau in der Berufsschule ist hoch. Die Anforderungen steigen kontinuierlich. Sehr viele von ihnen entscheiden sich für den «Königsweg» der Berufsbildung – mit Lehre, Berufsmatura und anschliessendem Studium an einer Fachhochschule.

Fachhochschulen bieten ein anwendungsorientiertes Fachstudium an. Somit ist es unerlässlich, dass die Studierenden eine fundierte berufliche Erfahrung im Fachbereich mitbringen. So, wie sich das etwa ein Informatiker in vier Jahren in einer dualen Berufslehre aneignet.

Als eines von drei Instrumenten des geplanten Massnahmenpaketes im Kampf gegen den Fachkräftemangel sollen nun die Gymnasiasten die Möglichkeit erhalten, ohne je einen Fuss in einen Betrieb gesetzt zu haben, an einer Fachhochschule Informatik zu studieren. Allerdings müssen sie einen Arbeitsvertrag in der Tasche haben. «Praxisorientiertes Bachelor-Studium» soll das Fachwort für das neue Studienmodell sein, welches das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) in der Schweiz erprobt.

Das ist ein Beispiel, wie man aus unseren praxisorientierten Fachhochschulen kleine Universitäten machen will und die Praxiserfahrung abgewertet wird. Für mich ist das kein geeignetes Modell, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, im Gegenteil. Das grösste Plus der Berufsbildung wird untergraben und die Berufslehre abgewertet. Die Anreize werden genommen, den lehrreichen, aber anspruchsvollen Weg einer vierjährigen Lehre mit Berufsmatura zu wählen.

Wenn dieses Model Schule macht und auf andere Berufszweige ausgeweitet wird, schwächen wir nicht nur unser von vielen Seiten zu Recht gerühmtes duales Berufsbildungssystem. Die Qualität der Fachhochschulen wird leiden. Wir brauchen schulisch und praktisch starke Berufsleute in den Unternehmen. Die Praxiserfahrung abzuwerten, ist ein gefährlicher und nicht nachhaltiger Weg.

Die Ausbildung in den Fachhochschulen muss sich an den tatsächlich benötigten Qualifikationen auf dem Arbeitsmarkt ausrichten. Dabei ist der direkte Bezug zur Arbeitswelt zentral. Sie muss für die Wirtschaft gute Praktiker ausbilden und sich nicht schleichend zu kleinen wissenschaftlichen Hochschulen entwickeln. Die Wirtschaft braucht beide Ausbildungswege. Eine Verwässerung ist nicht erwünscht.

Wir brauchen mehr Fachkräfte, dürfen aber nicht zu Massnahmen greifen, die unser bewährtes und wertvolles duales Berufsbildungssystem schwächen, sonst sägen wir am Ast, auf dem wir alle sitzen.

Marianne Meister ist Kantonsrätin (FDP), Gemeindepräsidentin von Messen und Präsidentin des Kantonal-Solothurnischen Gewerbeverbands (KGV).