Pro und Kontra
slowUp – man liebt oder hasst ihn

Am Sonntag sind einige Strassen im Bucheggberg und rund um Solothurn wegen des slowUp gesperrt. Das führt immer wieder zu Diskussionen zwischen Automobilisten und Velofahrern. Das Pro und Kontra.

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Am Sonntag steigen wieder viele aufs Velo. (Archiv)

Am Sonntag steigen wieder viele aufs Velo. (Archiv)

Hansjörg Sahli
«Uns gehört der Bucheggberg, wo ist das Problem»? Lokalredaktorin Rahel Meier lässt das Auto meist zu Hause stehen, schwingt sich aufs Velo und freut sich auf den slowUp

«Uns gehört der Bucheggberg, wo ist das Problem»? Lokalredaktorin Rahel Meier lässt das Auto meist zu Hause stehen, schwingt sich aufs Velo und freut sich auf den slowUp

AZ

Für mich gibt es zwei Arten von Velo fahren. Im Alltag ist das Fahrrad ein reines Fortbewegungsmittel. In der Region gibt es kein Transportmittel, das mich schneller von einem Ort zum anderen bringt. Stau auf dem Kreuzplatz in Derendingen? Autoschlange am Mittag in Biberist? Interessiert mich nicht. Mit dem E-Bike flitze ich vorbei und grinse nur über all die Typen, die alleine in ihrem Auto sitzen und nervös mit den Fingern auf das Steuerrad trommeln. Parkplatz suchen? Ebenfalls kein Problem. Das Velo hat fast überall Platz.

Langsamverkehrsoffensive sei Dank sind auch die Strassen bedeutend sicherer geworden. Velowege, markierte Übergänge oder spezielle Warteplätze vor einer Ampel erleichtern mir das Leben. Aber noch immer gibt es mehr als genug Autofahrer, die das Gefühl haben, der gelb markierte Velostreifen sei vor allem dafür da, dass man den Mittelinseln besser ausweichen und mit unverminderter Geschwindigkeit weiterfahren kann. Noch schlimmer sind diejenigen Automobilisten, die überholen und dann aprupt bremsen und ohne zu blinken rechts abbiegen oder diejenigen, einfach aus dem Parkplatz heraus rückwärts auf die Strasse fahren.

In der Freizeit ist das Fahrverhalten ein anderes. Dann nehme ich in aller Regel nicht das schwere E-Bike, sondern das leichtere und wendigere Rad. Dann bewege ich mich am liebsten auf den speziell gekennzeichneten Velorouten. Abseits von den Hauptverkehrsachsen und dem motorisierten Verkehr. Ohne Benzingestank und gestresste Automobilisten lässt sich das Velo fahren so richtig geniessen. Dazu gehört auch, dass man auf gewissen Streckenabschnitten nebeneinander fahren und plaudern kann.

Und genau deshalb freue ich mich auf den slowUp. Ein Tag lang gehört die abgesperrte Rundstrecke im Bucheggberg nur den Velofahrern– also auch mir – und den Skatern. Das Velofahren kann so richtig genossen werden. Für einmal muss man nicht ständig acht geben. Dauernd nach hinten und in jede Einfahrt blicken. Kann in seinem bevorzugten Tempo vor sich hin pedalen. Rund um einen herum nur gut gelaunte Menschen. Sich in der Masse in die selbe Richtung zu bewegen ist zudem ein spezielles Gefühl. Man muss es einfach erlebt haben. Nur wer mitfährt und sich auf die Idee des slowUp einlässt, kann die Faszination verstehen.

«Uns gehört die Welt, wo ist das Problem»? Stadtredaktor Wolfgang Wagmann erklärt, warum er als Fussgänger, Autofahrer und ehemaliger Inline-Skater am slowUp zu Hause bleibt

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Solothurner Zeitung

Irgendetwas stimmt nicht. Intuitiver Wechsel auf die andere Strassenseite. Ein richtiger Entscheid. Das pedalende Pärli hätte mich auf dem Trottoir von hinten nicht ganz problemlos überholt. Den Spruch kann ich mir nicht verkneifen: «Das ist ein Trottoir!» Interessiert die beiden drüben keinen Deut. Sie queren die nächste Strasseneinfahrt und fahren gelangweilt wieder aufs Trottoir.

Arroganz, Anmassung. Leider immer wieder zu beobachten, sobald jemand im Velosattel sitzt. Eine Anspruchshaltung ganz nach dem Motto: «Jetzt kommen wir, die andern sollen schauen.» Eine Anspruchshaltung, die sich längstens in der Verkehrspolitik manifestiert und tatkräftig unter dem Motto «Langsamverkehr» umgesetzt wird. Die Velos dürfen sich vor Autos an der Ampel aufreihen und dann ostentativ gemütlich losfahren. Ist doch egal, wenn der zweite oder dritte Autofahrer schon wieder Rot sieht, weil das bisschen Grün weitgehend den Zweirädern gehört. Nichts gegen Langsamverkehr, aber so geht das nicht. Schon gar nicht, wenn die Pedaleure alles per pedes ignorieren und auf Fusswegen Verunsicherung säen. Aber eigentlich interessierts niemanden, und ein Velo in Fahrt zu stoppen, schafft nicht einmal die Polizei – in der Solothurner Altstadt schon miterlebt.

Kommen wir zum slowUp. Nichts gegen ein Fest für ein entschleunigtes Volk. Aber die Totalabsperrung von wichtigen Kantonsstrassen, das Abriegeln ganzer Hausreihen, die am Sonntag aufs Auto verzichten müssen –das riecht halt wieder nach der Geisteshaltung: «Uns gehört die Welt, wo ist das Problem?» Nur für einen Tag? Wohl kaum. Der Trend geht weiter. Zuerst gings nur um den Murtensee, dann in den Bucheggberg. Man könnte ja die A 5 wieder mal zusperren. War doch geil, 2002 auf den Inline-Skates. War übrigens damals auch dabei. Weil die Autobahn noch nicht offen war. Wäre sie es gewesen und extra gesperrt worden – ich wäre daheim geblieben. Wie nächsten Sonntag auch.

Kürzlich gabs einen harten Disput über Velofahrer, die ständig durchs Fahrverbot der Röti-Fussgängerbrücke cruisen. Ein jüngerer, velofahrender Kollege meinte: «Das ist halt für uns der kürzeste Weg.» Am Sonntag sollte jemand aus beruflichen Gründen zwischen Solothurn und Biberist einen massiven Anhänger hin- und herbewegen. Nur nebenbei: Für ihn wäre die gesperrte Kantonsstrasse auch – der kürzeste Weg.

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