Persönlich
Reminiszenzen an «hitzefrei»

Balz Bruder
Balz Bruder
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Der Autor wäre zu gerne in die Badi.

Der Autor wäre zu gerne in die Badi.

Aline Wüst

Es muss in der zweiten Hälfte der 70er-Jahre gewesen sein. Ein heisser Sommer. Einer, der sich nicht erst im Juli ausbreitete, sondern sich schon früher über das Land gelegt hatte. Jedenfalls gab die Primarschule, die ich besuchte, eines Nachmittags die Losung «hitzefrei» aus. Nun, wer gedacht hatte, es brande tosender Applaus auf im Klassenzimmer, sah sich getäuscht. Denn was gab es Schöneres, als im trauten Verbund der Klasse an einem heissen, schönen Nachmittag gemeinsam die Badi aufzusuchen.

Selbstverständlich wäre das in einem gewissen Rahmen auch ohne Stundenplan möglich gewesen. Doch ohne diese Struktur ergaben sich Einschränkungen. Denn der Elternbrief, in dem der hitzefreie Nachmittag begründet wurde, enthielt mitunter Angaben über bestimmte Verhaltensmassnahmen, die den Eltern scheinbar zugunsten ihrer Schutzbefohlenen ans Herz gelegt wurden. Und da war mitnichten davon die Rede, es wäre gescheit, die Jungmannschaft bei brütender Hitze mit dem Velo in die Badi fahren zu lassen.

Die Folgen der gut gemeinten Schulfrei-Aktion waren für mich aus damaliger Sicht verheerend. Statt mit den Gschpänli einen unbeschwerten Nachmittag ausserhalb der Reichweite elterlicher Obhut verbringen zu können, kam ich in den Genuss eines in jeder Hinsicht beschatteten Nachmittags. Zuerst im Kinderzimmer bei mehr oder minder sinnvoller Beschäftigung. Dann beim überfälligen Veloputzen in der ebenfalls schlecht belichteten Garage. Erst am Abend, da die Hitze ihren Höhepunkt überschritten hatte, umfing mich neuerlich die arg vermisste Freiheit. Immerhin gab es zur Feier des Tages noch eine Glace. Doch die hätte es in der Badi auch gegeben. Selten ging ich anderntags lieber in die Schule als nach «hitzefrei».

balz.bruder@chmedia.ch