Kolumne
Quarantäne damals: Im Siechenhaus in der Klus

Um es vorwegzunehmen: Siechenhäuser dienten im Mittelalter vorwiegend dazu, von der Pest befallene Menschen («Siechen») in Quarantäne zu setzen. Jenes in der Klus findet erstmals 1331 Erwähnung.

Kuno Blaser
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Siechenhuus in der Klus

Siechenhuus in der Klus

Kuno Blaser

Unnötige Kontakte meiden und Ansammlungen aus dem Wege gehen: So lauten heute die offiziellen Empfehlungen unserer Regierung. «Stimmt! Man muss ja nicht unbedingt das Unglück herausfordern und den Teufel kitzeln», dachte ich, und unternahm als «risikogefährdet» Eingestufter anstelle eines Besuches im Fitnessstudio eine kleine Radtour, verbunden mit der Absicht, beim Siechenhaus in der Klus vorbeizusehen.

In der gegenwärtigen Stimmungslage mal den Spuren und Leiden unserer Vorfahren nachgehen, einen Augenschein dorthin werfen, wo Epidemiekranke versorgt wurden, könnte interessante, alte Begebenheiten auffrischen. Im «Corona-Zeitalter» angekommen, liest man davon, dass Touristen ausblieben, Veranstaltungen ausfallen und Lieferanten nicht mehr produzierten. Das Corona-Virus träfe die Wirtschaft schwer und bringe diese in Schieflage. So würden diese automatisch zum Fall für Banken, weil fast alle Unternehmen mit solchen Finanzinstituten Geschäftsbeziehungen pflegten.

Wie traf es im Mittelalter bei Epidemien den Bauernstand im Dorf, dem die meisten angehörten, wenn eine halbe Familie der Pest zum Opfer fiel? Nehmen wir das Jahr 1628 als Beispiel. Erst war die Pest von 1611 und 1612 ausgestanden, schon verbreitete eine neue Seuche anno 1628/29 und brachte Schrecken und Leid ins Dorf. Oensingen zählte kaum 350 Einwohner. Die allerältesten hiesigen Geschlechter, deren Nachkommen wir heute noch als Bürger im Dorf antreffen, die Baumgartner, Jäggi, Schnider beispielsweise, sollte «der schwarze Tod» ein weiteres Mal heimsuchen. Rückblickend ist es – ohne aktenkundig zu sein – vorstellbar, dass ein Zweig der Baumgartners im kleinen Bauerngut neben dem neu errichteten Kornhaus im Unterdorf ihren Lebensunterhalt bestritt.

Die Familie betrieb womöglich im Schachen Ackerbau. Ihnen müsste standesgemäss eine «Schuppose» Land zur Verfügung gestanden haben, was 12 Jucharten oder mindestens 30000 Quadratmetern Land entsprach. Einen Viertel nutzten die Baumgartners als Weideland für ihren Ochsen, den sie als Zugtier benutzten, ferner standen eine Kuh und vier Ziegen im Stall. Im Hinterhof gackerten Hühner, krähte ein Hahn. Einen Teil des Landes schieden die Baumgartners als Brachland aus. Nur so reichte es für den Unterhalt der Familie, konnte sie die Steuer in Form von Naturalien wie Korn, Fleisch, Eier oder allenfalls Geld an die Obrigkeit tilgen.

Als die Pest ausbrach und die Familie durch den Tod des Vaters und zwei seiner Kinder dezimiert wurde, traf es diese schwer. Josef Baumgartner war auf dem Feld nicht zu ersetzen. Seine Witwe mit den fünf überlebenden Kindern schaffte es kaum, die Felder zu bestellen.
Die Familie geriet in Not. Dem geschätzten Untervogt und Neubürger Uli Jaus war es zu verdanken, dass er bei der Obrigkeit Fürsprache einlegte und so einen Steuererlass erreichte. Um der ärgsten Not zu entrinnen, wies diese die Kinder zum Essen Familien zu, die weniger von der Pest heimgesucht wurden. Die kleine Stallung neben dem alten Schulhaus an der heutigen Hauptstrasse, über Jahrhunderte in etwa gleicher Form erhalten geblieben, erinnert noch ein bisschen an die schweren Zeiten der Baumgartners damals.

Beim Ausbruch von 1628/29 wurden in vielen der Pfarreien Totenbücher geführt, daher sind gesicherte Daten bekannt. Der gesamte Seuchenzug erreichte das Kantonsgebiet wiederum von Süden her und überzog zuerst die westlichen Regionen und Gäu-Olten, entlang der Passstrasse des Oberen Hauensteins. Es wird geschätzt, dass 1628 und 1629 über 1100 Personen ihr Leben durch die Pest verloren; fast 60 Prozent waren Kinder. Dies war der heftigste Ausbruch im Kantonsgebiet. Nicht zählbar sind die Pestopfer unter Kaufleuten, fahrenden Händlern oder Bettlern, die nicht verzeichnet wurden. Damit ist anzunehmen, dass es noch mehr Opfer gab.

Unser Josef Baumgartner verstarb im Siechenhaus der Klus. Dorthin befahl ihn die Obrigkeit. Das Essen brachten ihm in seinen letzten Tagen seine Kinder. Sie reichten es ihm durch die vergitterten Fenster. Niemand sollte entweichen können und andere mit der Pest anstecken.

Als Josef Baumgartner starb, wurde seine Leiche mit jenen anderer «Siechen» fernab der üblichen Grabstätten begraben. Vielleicht ruht er nun auf dem «Siechenfriedhof» der hinteren Schmiedenmatt? Vielleicht sind seine Gebeine im Beinhaus der Kapelle St. Peter in Kestenholz aufgehäuft? Als ich noch Kind war, erzählte mir mein Vater, das seien Gebeine von Pestopfern. Ich fand keinen Hinweis darauf, dass dem so ist. Wo Josef Baumgarters Überreste liegen, weiss niemand. Gut möglich aber, dass jemand das Schicksal dieser virtuellen Figur gelebt hat.