Persönlich
Mein 62. Sommer

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Der heisse Sommer verleitet zum Verweilen im Schatten.

Der heisse Sommer verleitet zum Verweilen im Schatten.

CH Media

Immer wenn die Rede auf meinen Geburtstag kam, erwähnte Mutter diesen Junitag als einen aussergewöhnlich heissen. Vater war übrigens nicht dabei; eine Geburt war damals noch kein wahnsinnig integratives Projekt. Man hoffte wohl einfach darauf, dass alles gut gehen würde. Vater sass, so die Überlieferung, mit meiner Schwester zusammen auf einer Wolldecke am Jurasüdfuss im Schatten einer Hecke und wartete einfach darauf, dass alles geklappt haben würde.

Das erklärt wohl meine eigenartige Beziehung zum heissen Sommer. Er verleitet mich zum Warten – im Schatten. Fast ein bisschen neidisch beobachte ich dann Sonnenanbeter, deren Lebens- und Unternehmungslust sich erst ab 32 Grad so richtig entfaltet und schliesslich zu überborden scheint. Viel mehr Verständnis habe ich jeweils für jene, die nur gut gelaunt dem süssen Nichtstun frönen, obwohl mein Nichtstun eben nicht ein süsses, sondern eher ein zwanghaftes ist. Der Sohn des Vaters eben.

Jetzt steht mein 62. Sommer vor der Tür. Ich fürchte, der klimatisierte Innenraum meines Autos wird zum Ort mit höchster Aufenthaltsqualität. Was mich tröstet: Nach meinem 62. Sommer folgt mein 62. Herbst. Dann kommt meine Jahreszeit, wenn sich die Sonnenanbeter grossmütig damit abfinden, dass jetzt eben andere Hochzeit feiern.

urs.huber@chmedia.ch