Wochenkommentar
Lust auf Kraftkraft?

Fusionen sind primär Chancen. Sie sollten nicht vorschnell verteufelt werden

Theodor Eckert
Theodor Eckert
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In Solothurn ist Top 5 nicht vom Tisch. Drei andere Gemeinden wollen auf die Debatte gar nicht erst eintreten. (Archiv)

In Solothurn ist Top 5 nicht vom Tisch. Drei andere Gemeinden wollen auf die Debatte gar nicht erst eintreten. (Archiv)

Hanspeter Bärtschi

Die Bundesratswahlen diese Woche waren interessant. Die Gemeindeversammlungen mit dem Traktandum Top 5 waren es auch – doch darüber hinaus waren sie noch spannend: Was vor Jahren als zukunftsgerichtete Grossfusion Solothurn mit sieben Gemeinden begonnen hatte, zerbröselte innerhalb von zwei Stunden zu einem Eventuell-möglicherweise-Zusammengehen zweier Kommunen.

Einmal mehr hat sich gezeigt, dass das Zusammenführen von Gemeinwesen Knochenarbeit ohne Erfolgsgarantie ist. Allein von der Idee zur Projektarbeit ist ein langer Weg.

Bis die Stimmberechtigen dazu Stellung nehmen können, vergeht nochmals viel Zeit. Was eigentlich eine Chance sein sollte, weil die Annäherung an derart komplexe Fragen nicht über Nacht abläuft, kann auch zum Stolperstein werden. Das sich Einbringen in ein grosses Ganzes, ist mit starken emotionalen Schwankungen verbunden.

Während die Initianten den Prozess hautnah begleiten und mit ihm wachsen, wird er für sie immer selbstverständlicher. Bei den Aussenstehenden ist der Verlauf gerade umgekehrt.

Wird die Idee publik, folgt nach der ersten Verblüffung die kurze Phase des «Weshalb-eigentlich-nicht?» Schliesslich muss man immer vorwärtsblicken und alles ist noch völlig unverbindlich.

In der Folge treten die Bewahrer, Zweifler und Besserwisser auf den Plan. Es entsteht eine verhängnisvolle Dynamik. Verunsicherung macht sich breit und im Zweifelsfall sagt das Individuum eher nein, wenn es schliesslich um die Entscheidung geht.

In Derendingen, Biberist und Luterbach ist es nicht gelungen, die Negativspirale zu stoppen. Das Resultat: Verabschiedung von Top 5. Im Vergleich zu Bellach und Langendorf etwas spät, aber im Hinblick auf die Urnenabstimmung zu früh.

Da Solothurn bei Top 5 (noch ist der leicht hochtrabende Name in aller Munde) die Schlüsselrolle zukommt, hat die Bevölkerung am vergangenen Dienstag richtigerweise Verantwortung übernommen, um den Weg für eine Urnenabstimmung offenzuhalten.

Zuchwil hat das honoriert und sich für eine Ehrenrunde entschieden. Die Reaktionen im Hinblick auf den alles entscheidenden 28. Februar 2016 lassen aufhorchen: An der Ausgangslage habe sich überhaupt nichts geändert sagen die einen, derweil andere zum Schluss kommen, nun sei alles anders.

Mit andern Worten, den Bürgerinnen und Bürgern von Solothurn und Zuchwil steht eine weitere anspruchsvolle Entscheidfindung bevor.

Grundsätzlich gilt: Fusionen, so sie den Namen verdienen, sind Chancen und nicht des Teufels, wie sie im Fall Solothurn bei Diskussionen auch schon mal betitelt wurden. Dass sich die Bürger beim Wegfall von Gemeindegrenzen nicht von allen, aber doch von einigen liebgewordenen Gewohnheiten trennen müssen, liegt in der Natur der Sache.

Unter den an den Gemeindeversammlungen vorgebrachten Argumenten, weshalb eine Fusion nicht möglich sein soll, wurden indes die skurrilsten Hindernisse vorgebracht. Eine Erfahrung, die verständlich macht, weshalb nicht alle glauben, dass das Volk immer recht hat.

Aus der Vogelperspektive betrachtet wäre es nicht aus dem Tierbuch, wenn die beiden übrig gebliebenen Gemeinden zusammenfinden würden. Solothurn-Zuchwil, ein stattliches Gebilde mit rund 25000 Einwohnern.

Das entspricht Dübendorf oder Montreux, grösser jedenfalls als Frauenfeld oder Aarau. Damit bekämen nicht bloss die abgesprungenen, sondern auch alle anderen potenziellen Gemeinden praktischen Anschauungsunterricht, was weitere Fusionsentscheide in der Zukunft erleichtern könnte.

Aus der Froschperspektive präsentiert sich die Ausgangslage nüchterner. Solothurns Wunschpartner hiess bisher nicht Zuchwil, zumindest nicht als alleiniger. So sind beispielsweise deutliche Unterschiede bei der Bevölkerungsstruktur und beim Steueraufkommen auszumachen.

Dagegen bringen beide Hypotheken ein, die noch ins Geld gehen werden (Stadtmist hier, Sportzentrum dort). Ohne die Lichtblicke negieren zu wollen, am Ende ist es ein Kraftakt. Zuchwil wird diesen als Juniorpartner leisten müssen, ist doch der Anteil an der stimm- und wahlberechtigten Bevölkerung erheblich kleiner.

Noch kein Grund, es nicht zu versuchen. Schliesslich werden nur in der Privatwirtschaft Fusionen konsequent durchgezogen.