Gastkolumne
Lasst euch nicht täuschen

Kurt Boner
Kurt Boner
Drucken
Teilen
Das Rathaus in Solothurn.

Das Rathaus in Solothurn.

Oliver Menge

Lieber Richi Aschberger
Lieber Remo (Red) Bill

Ihr seid die zwei neuen Grenchner Kantonsräte und habt schon die ersten Erfahrungen im Rathaus zu Solothurn gemacht. Sicher seid ihr gut aufgenommen worden. Es wurde euch erklärt, dass die Antrittsrede des Alterspräsidenten Linz nichts mit Altersweisheit zu tun hat, sondern einfach als peinliche Sequenz abzuhaken ist. Statt zuzuhören, könne man auf dem Smartphone ein paar Whatsapp schreiben. Den Ratssaal zu verlassen, wäre auch eine Möglichkeit gewesen, ist aber für «Neue» dann schon ein starkes Statement und wird von den «Alten», zumindest im ersten Halbjahr, nicht gerne gesehen.

Jetzt kommt der Ratsalltag. Mehr oder weniger wichtige Geschäfte, die nicht viel mit unseren aktuellen gesellschaftspolitischen Problemen zu tun haben. Lasst euch nicht einlullen von den sich ständig wiederholenden Ritualen. Diese sollen euch beschäftigen, damit ihr nicht auf die Idee kommt, wirklich etwas bewegen zu wollen. Die Kultur des «dergliche tue» hält sich in den Barockgemäuern noch stärker als ausserhalb der Barockstadt.

Als Grenchner seid ihr angetreten, die Interessen eurer Stadt zu vertreten und euch in Solothurn entsprechendes Gehör zu verschaffen.

Amira Hafner hat euch kürzlich in ihrem Kommentar «Grenchen schafft sich selber ab» anständig die Leviten gelesen. Entspricht aber ihr (einseitiges) Bild des lamentierenden Grenchners, welcher über den Kanton schimpft, weil er sich nicht ernst genommen fühlt, der Realität?

Nur teilweise. Es gibt da noch die andere Seite.

Es gibt die Seite der «Solothurner Arroganz und Ignoranz». Die Solothurner Politkultur, welche vielleicht im Stadtsolothurner Freisinnigen seine ursprünglichste und ureigenste Form findet, hat kaum einen Blick dafür, was ennet den Stadtmauern, vor allem im Westen, abgeht.

Es gibt da eine Stadt, welche eine real existierende Wirtschaft hat. Eine Stadt, welche eine grössere Anzahl von Einwohnern mit Leistungen versorgt, die keine Steuern bezahlen. Aus diesem Grund hat sich die Stadt auf Defizite (keine Millionenüberschüsse) einzustellen, welche durch falsche Anreize und fehlende Solidarität von Kanton und Gemeinden steigende Tendenz haben. Dass diese Stadt dann noch an der wirtschaftlichen Entwicklung gehindert wird, indem man zum Beispiel die Entwicklung des Flughafens bremst, ist nur noch das Tüpfchen auf dem i.

Also, lasst euch nicht täuschen.

Das wohlwollende Schulterklopfen in Solothurn soll den gewählten Grenchnern das Gefühl geben, dazuzugehören. In den entscheidenden Momenten wird dann aber wieder das eigene Süppchen gekocht und die «Schultergeklopften» verstehen die Welt nicht mehr und fühlen sich alleine gelassen.

Jetzt wäre ein guter Moment für einen Neuanfang. Der Solothurner Freisinn hat seinen Tiefpunkt erreicht und wird künftig umsichtiger und demütiger politisieren. Wenn sich jetzt noch der Grenchner aus seiner Opferhaltung und Lethargie löst, wird die Schubwirkung für den Kanton Solothurn gewaltig sein.

Und wenn alles so weitergeht wie bisher? Dann geht in die Offensive und prüft alle politischen Möglichkeiten für eine Eingliederung von Grenchen in den Kanton Bern. Ernsthaft.

Aktuelle Nachrichten