Kommentar
Kuscheln geht anders

Dass der «Totraser von Schönenwerd» nicht ausgeschafft werden darf, weckt starke Emotionen.

Urs Mathys
Urs Mathys
Drucken
Teilen
Das Raserauto von Nekti T. nach der tödlichen Kollision vom 8. November 2008 in Schönenwerd. (Archiv)

Das Raserauto von Nekti T. nach der tödlichen Kollision vom 8. November 2008 in Schönenwerd. (Archiv)

Bruno Kissling

In den Online-Foren ist für die meisten Kommentatoren alles klar: Die Kuscheljustiz hat einmal mehr gesiegt. Weltfremde, verakademisierte und abgehobene Bundesrichter haben die strengen Urteile der Vorinstanzen gegen «Totraser Nekti T.» korrigiert: Der heute 25-Jährige darf nach Verbüssung seiner Haftstrafe nicht dorthin ausgeschafft werden, wo er hingehört – nach Griechenland. Ein Beweis mehr, dass unser höchstes Gericht vor den fremden EU-Richtern und vor linken Gutmenschen in der Regierung kuscht. So also das Schweiz-Bild etlicher Schweizer.

Die «volle Härte des Gesetzes» fordern in diesem Fall aber auch Politiker, die sich sonst gegen strengere Strassenverkehrsgesetze wehren und Tempokontrollen als Schikane auf der freien Fahrt freier Bürger geisseln. Dass Nekti T. – in der Schweiz geboren und aufgewachsen, Sohn hier lebender griechischer Eltern – nicht ausgeschafft werden darf, gibt in diesen Kreisen viel zu reden. Weit mehr jedenfalls, als die Tatsache, dass der Raser bereits seit 2011 – völlig legal – wieder einen Führerausweis besitzt.

Die Volksseele kocht, dies ist nachvollziehbar: Nekti T. hat ein junges, unschuldiges Menschenleben auf dem Gewissen. Doch bei nüchterner Betrachtung zielt der Vorwurf der «Kuscheljustiz» ins Leere: Das Bundesgericht konnte zu keinem anderen Urteil kommen, weil es sich an die geltende Gesetzgebung zu halten hat. An Normen, wie jene der Verhältnismässigkeit, die einen Rechtsstaat ausmachen. Diese Normen gelten für alle – ob Schweizer oder Ausländer, Opfer oder Täter. Wer, wenn nicht das Bundesgericht, sollte sonst dafür sorgen, dass dies auch künftig so bleibt?! urs.mathys@azmedien.ch

Aktuelle Nachrichten