Wochenkommentar
Kirschblütler-Gastfamilie: Falscher Alarm oder falsches Verständnis?

En Kirschblüten-Ehepaar darf eine Gastfamilie sein und beeinträchtigte Personen aufnehmen. Der Wochenkommentar zum Thema.

Lucien Fluri
Lucien Fluri
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Die Kirschblütengemeinschaft sorgt schon wieder für Schlagzeilen.

Die Kirschblütengemeinschaft sorgt schon wieder für Schlagzeilen.

Urs Byland

Niemand kann der Kirschblüten-Gemeinschaft – derzeit – etwas vorwerfen. In Lüsslingen-Nennigkofen leben unbescholtene Bürger – mit einigen sonderbaren Weltanschauungen zugegebenermassen. Doch für die persönliche Lebensweise der Gemeinschaftsmitglieder, ob nun Tantra oder ein Mann mit zwei Frauen, hat sich eigentlich niemand zu interessieren. Geschweige denn über Privatleben und Einstellungen zu urteilen.

Etwas anders ist dies, wenn es um die Unterbringung Schutzbedürftiger Personen in diesem Umfeld geht. Das Amt für soziale Sicherheit hat einer Familie zumindest die Erlaubnis geben, dies zu tun - auch wenn das Angebot nie genutzt wurde. «Bei uns steht das Wohl der Schutzbedürftigen im Vordergrund und nicht, was ‹die Bevölkerung› denkt», sagt die zuständige Amtsvertreterin Ursula Brunschwyler. Sie vertraut auf Kontrollen zwischendurch und ihr Fachwissen im Umgang mit unterschiedlichen Weltanschauungen im Heimwesen – von den Anthroposophen bis zu den Evangelikalen.

Die grossen Fragen sind: Ist das Wohl einer schutzbedürftigen Person in der Kirschblüten-Umgebung stärker gefährdet als es dies in anderen Gastfamilien wäre? Und steckt eine beeinträchtige, mitunter etwas hilflosere Person plötzlich unfreiwillig in einer Situation, in der sie nicht sein möchte? Beides kann der Fall sein, es muss bei der Kirschblüten-Gastfamilie aber längstens nicht so sein.

Eigenartige Vorstellungen zum Verhältnis Therapeut-Patient

Toleranz zu üben fällt hier trotzdem schwer, automatisch tauchen im Hinterkopf Vorbehalte auf, die die Gemeinschaft nicht zuletzt selbst geschürt hat. Die Kirschblütler interpretieren das Verhältnis zwischen Patient und Therapeut auf eine Art, die Schulmediziner für unangemessen halten – bis hin zur sexuellen Annäherung. Und kürzlich fuhr gar die Polizei im Dorf vor. Eine deutsche Fernsehsendung legt ziemlich nahe, dass in Gruppensitzungen des Psychiaters Samuel Widmer verbotene Substanzen verabreicht wurden. Doch bewiesen ist bisher nichts. Der Psychiater hat nach wie vor seine Approbation.

Auf der einen Seite steht die hoch zu gewichtende Unschuldsvermutung für die potentielle Gastfamilie. Der sektenartigen Gemeinschaft anzugehören, heisst noch lange nicht, andere Menschen zu beeinflussen oder eine schlechte Gastfamilie zu sein. Auf der anderen Seite steht die immense Verantwortung der Behörden gegenüber unterzubringenden Personen. Diese dürfen nicht in ein Umfeld kommen, in dem sie Gefahr laufen, indoktriniert zu werden.

Auch im vorsorglichen Handeln liegt eine Gefahr

Muss der Kanton so lange tolerant sein, bis das Gegenteil bewiesen ist? Oder sollte er im Interesse Schutzbedürftiger nicht schon präventiv Massnahmen ergreifen? Das eine lässt sich nicht mit dem anderen vereinbaren. Wer präventiv unterzubringende Personen schützen will, muss somit indirekt der Gastfamilie - vielleicht gar nicht gerechtfertigte – Vorwürfe machen. Das ist ein Dilemma. Doch was gilt am Ende mehr? Eine Frage, die sich nicht auf «Kirschblütler» reduziert. Sie stellt sich ebenso bei religiösen Gruppierungen, die sich im Heimbereich lange stark engagierten. Und sie stellt sich auch, wenn sich jemand etwa im landwirtschaftlichen Bereich, mit der Unterbringung von Personen einen «Zustupf» verdienen will.

Die Alarmsirenen gehen bei einigen Zeitgenossen automatisch los, wenn das Wort «Kirschblüte» fällt. Das mag übertrieben sein. Doch ebenso erstaunt in diesem Fall die demonstrative Ruhe beim Kanton. Die Unschuldsvermutung darf von der Verantwortung nicht befreien.

lucien.fluri@azmedien.ch