Gastkolumne
Im Zugabteil mit Dürrenmatt

Gastkolumne zum Wert von Buchstaben und zu den Zitaten von Schriftstellern in den Neigezügen der SBB.

Reina Gehrig
Reina Gehrig
Merken
Drucken
Teilen
Friedrich Dürrenmatt (Archiv)

Friedrich Dürrenmatt (Archiv)

HO

Zugfahrende in der Schweiz wissen: Die Intercity-Neigezüge auf der Jurasüdfusslinie haben Namenspatrone. Aussen auf dem Zug steht der Name der betreffenden Schweizer Persönlichkeit und in den Grossraumabteilen oberhalb der Fenster sind Zitate angebracht. Viele Namenspatrone sind verstorbene Schriftstellerinnen und Schriftsteller wie Johanna Spyri, Max Frisch oder Jeremias Gotthelf. Ich finde es eine wunderbare Initiative, einen Teil Schweizer Geschichte ganz subtil und en passant in unseren Alltag zu verweben. Die Sätze öffnen neue Denkräume und locken uns aus unserem Alltag.

Da ich täglich von Luzern nach Solothurn pendle, ist es schon vorgekommen, dass ich vor 8 Uhr morgens bereits mit Robert Walser und Friedrich Dürrenmatt das Zugabteil teilte. Das ist für mich eine Bereicherung auf dem Weg zur Arbeit, in der die aktuellen Schweizer Schriftsteller und Schriftstellerinnen im Zentrum stehen.
Als ich letzten Frühling mit einem Solothurner Autor im Zug an eine Lesung fuhr, sassen wir zufälligerweise im Dürrenmatt-Zug. Er erzählte mir, dass er diesen Zug einweihen durfte. Auch erfuhr ich von ihm, dass die Namenspatronate mit den Sätzen im Zuginnern aufgeben werden, da «die Buchstaben gestohlen werden».

In den Tagen danach und auch heute hallt bei mir der Satz «Die Buchstaben werden gestohlen» nach.

Er beinhaltet, dass Buchstaben etwas Kostbares sind. Denn wer stiehlt etwas Wertloses?

Und vielleicht gibt es gar im Internet einen Schwarzmarkt für gestohlene Neigezug-Buchstaben? Für welche wird wohl besonders viel geboten? Für die von Mani Matter oder die von Annemarie Schwarzenbach?

Das Buchstabenstehlen ist ein weit verbreitetes Phänomen: Durch das Entfernen eines Buchstabens erhalten die bestohlenen Wörter oder Sätze einen ganz neuen Sinn. Anzutreffen ist es an vielen Orten – nicht nur in Zügen. So wohnte ich in einem Haus mit einem Schild auf dem stand: «Bitte Schuhe beim Betreten einigen». Ich schmunzelte bei der Vorstellung, wie alle Leute aufgefordert werden, die Schuhe zusammenzuschlagen.

Dieser Vorgang des Spieles mit Buchstaben und Wörtern birgt ein Urthema der Literatur und bildet ein zentrales Element der Arbeit von SchriftstellerInnen. Als prominentes Beispiel sind die Zürcher Dadaisten zu nennen, die im kommenden Jahr ihr 100-Jahr-Jubiläum feiern. Auch aktuell gibt es eine starke junge Szene von Literaten, die Experten im Spiel mit Wörtern und Sprache sind. Nämlich die Spoken-Worder und Poetry-Slammer.

Hätten sich die zitierten Autoren sehr über das Stehlen ihrer Buchstaben in den Zügen geärgert? Vielleicht hätten sie sich über die neuen Bedeutungen amüsiert und sich gefreut, dass ihre Wörter so begehrt sind.

Natürlich verstehe ich den Ärger, wenn durch den Verlust der Buchstaben die Sätze jegliche Lesbarkeit verlieren. Und man kann es als Vandalismus bezeichnen. Aber trotzdem wünsche ich mir: Wenn schon dieses kreative Mitspielen von Zugfahrenden unterbunden werden soll, könnte man ja über eine andere Beschriftungstechnik nachdenken. Es wäre schade, wenn es die Zitate in den Zügen nicht mehr gibt.