Gastkolumne
Hallihallo halal – doch wo bleibt die Moral

Eine Gastkolumne zu Unternehmen, die Muslime als Konsumenten entdecken

Amira Hafner-Al Jabaji
Amira Hafner-Al Jabaji
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Muslimas als neue Zielgruppe für neue Absatzmärkte von Konsumgütern.

Muslimas als neue Zielgruppe für neue Absatzmärkte von Konsumgütern.

Keystone

Nun also hat man uns entdeckt. Wir sind die wachsende Zielgruppe, der Wirtschaftstrend der Zukunft, der x-Faktor für neue Absatzmärkte. Während die einen bei der Wachstumsprognose das schiere Grauen packt, führt die Aussicht auf ein wachsendes Kundensegment bei Wirtschaftsanalysten und Investoren zu glänzenden Äuglein.

Die Rede ist von der steigenden Zahl von Muslimen weltweit, in Europa und auch bei uns in der Schweiz. Die «NZZ am Sonntag» hat dazu einen ausführlichen Hintergrundartikel veröffentlicht. Für einmal ächzt der Themenfrachter «Islam» nicht unter der Bedrohungsflagge von Terrorismus und Islamismus auf stürmischer See, sondern legt schwer beladen mit Containern die Leinen los, um die neue Klientel rasch mit Konsumgütern zu beglücken.

Wer in Zukunft Kohle machen will, kommt an uns konsumgeilen, wohlstandsorientierten Muslimen nicht vorbei. Schon gar nicht an uns muslimischen Frauen. Besonders die jungen, gutgebildeten unter uns wollen, wie der Rest der gutgenährten Welt, dem Konsumismus frönen – allerdings nur, wenn es mit dem Halal-Etikett versehen ist.

Halal bedeutet «erlaubt» und wird, sofern eine Sache gesundheitlich und moralisch unbedenklich sei, zum islamischen Gütesiegel sowohl für Verhaltensweisen wie auch für Güter. Für den Finanzdienstleistungssektor bedeutet es zum Beispiel, dass nicht in Glücksspiel, Prostitution oder Alkohol investiert wird.

Spekulationsgeschäfte und Zinsnahme sind verboten. Soweit die Theorie, die in der Praxis jedoch schon lange ein wachsendes und lukratives Geschäft ist. Vor allem aber wollen Muslime in Europa halal essen. Will heissen: Es besteht grosse Nachfrage nach Fleisch von Tieren, die nach islamischem Ritus geschächtet werden.

Bloss: Müsste halal in Zeiten von Klimaerwärmung, fragwürdiger Massentierhaltung, grausamen Tiertransporten und industrieller Schlachtung nicht viel weiter gedacht werden? Kann es denn überhaupt richtig und gut sein, Fleisch zu essen und Tiere zu töten, wenn unser Bedürfnis nach Nahrung anderweitig bestens gedeckt werden kann?

Ist nach dem Einsatz von Antibiotika und anderen Medikamenten in Futtermittel für Tier und Mensch der Verzehr von Fleisch wirklich gesundheitlich unbedenklich? Müsste nicht mindestens das Fleisch biologisch und regional hergestellt sein, will es das Halal-Gütesiegel bekommen? Ähnliche Fragen stellen sich auch beim wachsenden Mode-Markt. «Islamic Fashion» heisst in erster Linie: Die Frau trägt Hijab, also Kopftuch, und zeigt nicht Haut, sondern Stoff.

Ob dieser wirklich unter Halal-Bedingungen, also auch mit fairen Löhnen, eingekauft und unter gesundheitlich sicheren und menschenwürdig akzeptablen Verhältnissen produziert wurde, bleibt ungewiss und auch unwahrscheinlich.

«Shop till you drop» scheint halal – zumindest dann, wenn man auch auf der Shopping-Tour die Pflicht-Gebete nicht auslässt. Ob die durchgestylten, Gucci-Sonnenbrillen tragenden und perfekt mit Halal-Kosmetik geschminkten Girlies das durchziehen, weiss ich nicht.

Es interessiert mich auch nicht. Denn es ist eine Gewissensfrage und Sache jeder einzelnen Person. Was ich aber für bedenklich halte, ist die inhaltliche Entleerung des Halal-Begriffes, der zu einem reinen Marketing-Instrument wird. So kann es denn auch kommen, dass sich eine Muslima für den «Playboy» fotografieren lässt. Natürlich posiert sie nicht nackt, sondern bloss in engem Shirt und schwarzer Lederjacke, lasziv und mit rotem Kussmund – aber mit Hijab. Hurra!

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