Oltner Kabarett-Tage
«Gute und schlechte Kabarett-Tage»: Ein Gastbeitrag von Satiriker Andreas Thiel

Anlässlich der Eröffnung des Quai Cornichon, dem neuen Denkmal für die Gewinner des Schweizer Kabarettpreises in Olten, hat der bekannte und polemisierende Kabarettist Andreas Thiel am Samstag einen Auftritt. In seinem Gastbeitrag fordert er eine bissige und ungemütliche Haltung des Kabaretts.

Andreas Thiel
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Anlässlich der Einweihung des Quai Cornichon spricht Andreas Thiel.

Anlässlich der Einweihung des Quai Cornichon spricht Andreas Thiel.

Patrick Lüthy

Die Kabaretttage waren immer dann gut, wenn sie Olten auf eine ungemütliche Weise lustiger machten. An Tagen hingegen, an welchen sie die Oltner Zuschauer in ihrer Oltner Behäbigkeit bloss etwas mehr lachen liessen, waren es lausige Kabarett-Tage. Denn wenn der alte Dompteur seinen kahlen Kopf einem zahnlosen Löwen in den Rachen hält, dann ist das kein Kunststück, bei welchem noch irgendjemand leer schlucken muss.

Kabarett ist die Kunst, dem Zuschauer die Tragik der Welt so zu erklären, dass er vor lauter Lachen nicht zum Weinen kommt. Massstab für jeden guten Kabarettisten ist folgender Witz aus dem Dritten Reich: Fragebogen des Vierten Reiches: «Wo waren Sie im Dritten Reich inhaftiert? Falls nicht, warum nicht?»

Aber ein Kabarettist, der für seine politische Haltung gelobt werden will, biedert sich bloss beim Publikum an. Der Kabarettist, der für seine politische Haltung gelobt wird, ist ein Mitläufer. Denn eigentlich darf es dem Publikum nie ganz wohl sein, bei dem, was ein Kabarettist sagt. Umso unterhaltsamer muss der Kabarettist deshalb sein, damit der Zuschauer trotzdem bereit ist, die Strapazen einer Kabarettvorstellung auf sich zu nehmen.

Der Kabarettist ist ein Seiltänzer auf seidenen Fäden. Er ist ein Eiskunstläufer auf dünnem Eis. Wenn das Publikum lacht, steckt ihm der Kabarettist wagemutig den Kopf in den Rachen, sodass das Publikum an seinem Lachen fast erstickt. Publikum ohne Atemnot ist nicht aufmerksam genug für eine Kabarettvorstellung. Wenn das Publikum erholt statt alarmiert aus den Vorstellungen kommt, sind das hundsmiserable Kabarett-Tage.

Irgendwann kommt wieder eine Zeit, die wehtut. Und wenn das Leben wehtut, können nicht alle trösten. Einige müssen auch kitzeln. Das sind die Kabarettisten. Sie sind Notkitzler für tragische Fälle. Die Oltner Kabarett-Tage müssen sich in gefährlichen Zeiten als eine unfallverhütende Notrufzentrale für akute Präventivfälle verstehen.

Ich wünsche den Organisatoren der Oltner Kabarett-Tage eine unbequeme Zukunft, über die sie trotzdem lachen können, damit sie nicht weinen müssen. Denn Satire ist, wenn man den Kopf zum Fenster rausstreckt und merkt, dass es kein Fenster ist, sondern eine Guillotine.