Grüsse aus Honolulu
Fieber im Paradies

Die Bezeichnung «Ende der Welt» würde der geografischen Lage Honolulus kaum gerecht. Hawaii ist – egal von welcher Seite man kommt – weit jenseits von allem, was die durchschnittliche Landratte traditionellerweise «Welt» nennt.

Christoph Neuenschwander
Christoph Neuenschwander
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Buschbrände werden bekämpft.

Buschbrände werden bekämpft.

Christoph Neuenschwander

Spränge man von der kalifornischen Küste in den Pazifik, müsste man 4000 Kilometer schwimmen, um hierherzugelangen. Von Japan aus sind es rund 6000 Kilometer. Die polynesischen Seefahrer, die auf ihren Auslegerkanus vor über 1500 Jahren erstmals herfanden (und später regelmässig zwischen Tahiti und Hawaii verkehrten), waren Meister ihres Berufsstands.

Hawaii ist eine der isoliertesten Inselgruppen der Erde, und Honolulu gilt als die abgelegenste Grossstadt überhaupt. «Manche Leute kriegen hier den Inselkoller», hat mir ein Kollege an der Uni offenbart. «Rock fever», sage man dazu. Felsenfieber. «Man kann nirgendwo hin, ohne in ein Flugzeug zu steigen.» Oder eben in ein Kanu. Aber: Wieso sollte man irgendwo anders hinwollen?, mag man sich angesichts der paradiesischen Gestade fragen.

Nun, so üppig die Pflanzen auch gedeihen, und so freundlich die Menschen hier sind, so unwirtlich kann einem dieser winzige Flecken Land mitten im Pazifik erscheinen. Und dafür muss man nicht erst einen Vulkan erklimmen und sich von der zerstörerischen Kraft der Lavaströme überzeugen. Es reicht, wenn man sich abends in Honolulu an den Strand setzt und den tosenden Wellen lauscht, die unter unendlich weitem Himmel unablässig an der Insel nagen. Hawaii ist ein wundervoll absurder Zufall, eine Oase in der Wüste, bloss anders herum, eine Anomalie, die der Ozean mit aller Macht zu korrigieren sucht, mit Erosion und Sturm.

Das Wetter, das ungehindert über den Pazifik fegt, kann sich rapide ändern. Ein strahlend blauer Himmel weicht in Windeseile grauen Wolken und strömendem Regen – glücklicherweise ebenso oft auch umgekehrt. Wobei Sonnenschein nicht minder zerstörerisch wirkt. Wer sich einmal über die Mittagszeit zu lange an den Strand gelegt hat, kann ein Klagelied davon singen. Wind und sengende Sonne bekommen auch der Vegetation nicht immer gut. So hat vergangene Woche ein ganzer Hügel direkt neben der Universität in Flammen gestanden. Rauchschwaden legten sich über den Campus; Löschhelikopter gossen unentwegt Wasser über den Waldbrand. Unter Kontrolle war das Feuer erst nach mehreren Stunden.

Nicht, dass Sie mich jetzt falsch verstehen: Auch wenn man nach einem Mai Tai und einem «Longboard» Lagerbier im Paradies gelegentlich über die eigene Machtlosigkeit im Antlitz der Naturgewalten sinniert, Rock fever habe ich noch lange nicht. Und auf der positiven Seite kennt Hawaii dank seiner Abgeschiedenheit auch keine gefährlichen Tiere, wie mein Wanderkumpane gerne betont. Abgesehen von jenen im Wasser, versteht sich. Das Wildeste, auf das man an Land trifft, sind die Schweine, die von den Polynesiern mitgebracht wurden und noch immer durch die Wälder ziehen.