Persönlich
Falsche Seite?

Urs Huber
Urs Huber
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Auf der einen Seite warten die Kinder, auf der anderen die Eltern.

Auf der einen Seite warten die Kinder, auf der anderen die Eltern.

Anthony Anex / KEYSTONE

Über Mittag fahre ich häufig nach Hause. Und dabei kreuzen sich meine Wege nicht selten mit jenen von Schülerinnen und Schülern, die sich auf dem Nachhauseweg befinden. Die sind übrigens überaus diszipliniert, suchen den Fussgängerstreifen auf und warten ganz manierlich, bis der Verkehr stoppt, ihnen den gesetzlich verordneten Vortritt lässt und sie die Strasse überqueren können.

Nun fällt mir dabei immer auf, dass auf der gegenüberliegenden Strassenseite Mütter oder Väter auf ihre Sprösslinge warten. Ich finde das ganz in Ordnung, ja sogar sehr schön. Was ich aber nicht verstehe: Warum warten die auf der sicheren Seite auf ihre Kinder? Ich stelle mir nämlich immer vor, dass sich Kinder ihren Eltern in die Arme werfen wollen und es kaum erwarten können, auch dort zu landen. Und unter diesem Vorzeichen alles um sich herum vergessen und einfach losrennen. Ich jedenfalls hätte es gelegentlich so gehabt, wäre meine Mutter auf der andern Seite gestanden.

Nun, Zeiten ändern. Und mit ihnen wohl auch die Kinder. Meine Mutter hat nie auf der andern Strassenseite gewartet. Die Chance, Eigenständigkeit so früh zu üben, wurde mir vorenthalten. Vielleicht nutze ich deshalb den Fussgängerstreifen heute nicht immer, wenn mich jemand auf der andern Strassenseite erwartet.

urs.huber@chmedia.ch