Home-Office
Erwacht nun der Appetit auf Arbeit?

Corona lockert unsere libidinöse Fixierung auf Feierabend und Urlaub.

Ludwig Hasler
Ludwig Hasler
Drucken
Teilen
Das Home-Office absorbiert von den Arbeitskollegen.

Das Home-Office absorbiert von den Arbeitskollegen.

Meine Nachbarn sind sogenannte Fachkräfte. Architektin, Informatiker, Marketingprofi. Können alle prima von zu Hause aus arbeiten, die Wohnungen nicht zu eng, die Kühlschränke gefüllt, der Home-Trainer nebenan, Netflix abonniert. Mit der Arbeit kommen sie tüchtig voran, sogar produktiver als im Büro. Es fehlt ihnen nichts, sie «haben es schön», wie man so sagt.

Kaum aber dauerte das Home Office zehn Tage, ging es los mit Klagen. Alle vermissten dasselbe. Nein, nicht die Safari in Botswana. Nicht den Branchen-Event. Nicht einmal das Schwingfest. Sie vermissten die Kollegen! Den Alltag im Büro, im Labor, im Laden, auf dem Bau, die Unterhaltung bei der Pizza am Mittag. Zuvor hatten sie von ihren Wochenenden erzählt, von Reisen, vom Urlaub, von Events. Jetzt sehnten sie sich nach dem ganz normalen Werktag, den Kolleginnen, den Kunden. Der Arbeit.

Ausgerechnet Home Office, für viele das Versprechen der Befreiung von betrieblicher Bevormundung, macht uns bewusst: Nur als Privatbetrieb taugt das Leben nicht – und mag es noch so feudal ausgestattet sein. Der Mensch ist ein soziales Wesen (Aristoteles etc.). Wir mögen individuell und familiär noch so gut drauf sein – so richtig in Form gelangen wir, wenn wir mit andern zusammen etwas unternehmen, das plausibel Sinn macht.

Mit sich allein schrumpft der Mensch

Mit andern. Meist heisst es ja, es sei besser, allein zu sein als in schlechter Gesellschaft. Ich halte es eher mit denen, die es umgekehrt sehen: Mit sich allein ist der Mensch stets in schlechter Gesellschaft. Nicht weil er schlecht würde, er schrumpft nur. Nach Tagen im Home Office merken das manche. Wir liegen dann am Abend wohlig auf der Couch, verlieren uns in ein Buch über Schwarze Löcher, in die Serie «The Crown», an den Rotwein, allein oder zu zweit – und fragen uns doch irgendwann: Was ist noch los mit mir, wenn mich keiner beobachtet, sich über mich ärgert oder freut? Was mache ich mit meinem Verstand, wenn ich nicht spontane Angriffe parieren muss? Bin ich noch auf der Welt, wenn ich mich über keinen Kollegen aufregen kann (nur über Trump & Co)? Was wird aus meinen paar Talenten, wenn sie nicht an einer gemeinsamen Sache wachsen müssen (sondern nur mein Wochenpensum abarbeiten)?

Was wir «Arbeit» nennen, kann viel mehr bieten als Jobs: ein soziales Biotop. Natürlich sind wir auch privat und familiär mit andern zusammen. Doch da gesellen wir uns mit unseresgleichen, den Geliebten, den Freunden, und die bestätigen uns, sie sehen, was an uns sympathisch ist, sie mögen unsere charmanten Seiten. Beruflich verkehren wir mit einem ganzen Menschenzoo, mit Lustigen, Kotzbrocken, Schlauen, Knorrigen, Weitsichtigen, Nachdenklichen. Die ideale Kombination, nicht in uns stecken zu bleiben, mitzuwirken an etwas, das über mich hinausreicht, an etwas Gemeinsamem, das ich solo nie stemmen könnte, an etwas, das ein bisschen mehr im Sinne hat als mein Ego.

Steine hauen, Geld verdienen – an der Kathedrale mitbauen

Dazu passt die mittelalterliche Legende von den drei Steinhauern. Jeder wird gefragt: Was machst du hier? Der erste antwortet: Ich haue hier Steine. Der zweite: Ich verdiene hier mein Geld. Der dritte aber sagt: Ich baue hier mit an der wunderbaren neuen Kathedrale unserer Stadt. Zu hoch gehängt? Die Kathedrale ist nur eine Chiffre. Hauptsache Sinnhaftigkeit. Sinn macht für das soziale Wesen Mensch: mit andern zusammen etwas anpacken, das auch für manch andere von Bedeutung ist, pauschal: für die Gesellschaft.

Dumm nur, dass nicht jede Arbeit nach Sinn riecht? Oh ja. Warum sonst gäben vier von fünf Beschäftigten an, nichts als Dienst nach Vorschrift zu leisten? Sie schaffen es nicht, die Arbeit zu ihrer Sache zu machen. Oder ändert sich das – jetzt, wo Selbstverwirklichung nicht mehr so anstrengungslos auf Safaris und Partys zu finden ist?

Aktuelle Nachrichten