Kolumne
Eine kräftige Tatze verdient

Kuno Blaser
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Hier sieht man die Dorfeinfahrt Oensingen. (Symbolbild)

Hier sieht man die Dorfeinfahrt Oensingen. (Symbolbild)

Bruno Kissling

Als Oensingen zu wachsen begann, gerieten die alten Flurnamen aus den Fugen. Dabei verstand sich Oensingen doch als Dorf mit klaren Abgrenzungen. Selbst das Geschlecht der Baumgartner fügte sich diesem Ordnungssinn. Die «Steinbock-Baumgartner» werden bis heute von den «Rubeli-Baumgartner» unterschieden. Von dorf-wichtigen Persönlichkeiten kannte man kaum die Vornamen, diese wurden durch deren Tätigkeit ersetzt: Pfarrer Probst, Lehrer Mathys, Briefträger Probst und andere mehr. «Briefträger Probst» musste in der Folge seine liebe Mühe gehabt haben, alle Haushalte im «Butten» zu orten. «Butten 298» lautete damals meine Adresse. «Butten 10» ginge noch und entspräche den Begebenheiten eines Dorfes. Aber 298... Schliesslich ist Oensingen (noch) nicht New York.

Kein anderer als Lokalhistoriker Bruno Rudolf war der alten Flurnamen kundiger als er. Also beauftragte man ihn, ein neues Namennetz für unsere Quartiere und Fluren zu entwerfen. Danach hauste ich neu am Schalensteinweg. Dabei war ich stets an gleicher Stelle ansässig. Der Name Schlossstrasse blieb unangetastet. Spätestens jetzt wäre aber ein Namenwechsel fällig. «Tatzenstrasse» müsste sie eigentlich heissen.

Ich erlebte während der letzten 70 Jahren auf dem Trassee dieser Bergstrasse jene stürmische Entwicklung, welche Oensingen schier überrollte. Hier führte mein Schulweg an Wiesen, Böschungen, Getreidefeldern und am Schlossbach vorbei. Hier setzten sich Düfte, Geräusche und Bilder im Kopf fest, die mir ein Leben lang heimelige Gefühle zurücklassen sollten. In der Nase auch der nicht unangenehm empfundene Geruch der Strassenlauge, welche ein «Saurer-Tankwagen» versprühte, um den Staub auf der Naturstrasse zu binden. Bei der Lauge handelte sich um ein Abfallprodukt der Cellulosefabrik Attisholz.

Im Winter räumte ein Bauer mit seinem Holzpflug in aller Morgenfrühe den Schnee. Im Ohr habe ich noch das rhythmische Glockengebimmel seines Pferdegeschirrs. Von diesem herzerwärmenden Geräusch am Morgen geweckt zu werden, versprach rasende Schlittelfahrten auf der Schlossstrasse. Diese endeten jeweils unmittelbar vor der Hauptstrasse. Wehe, einer sauste über die Strasse hinaus und kam erst vor der «Bechi» zum Stehen.

Sollte «Lehrer Mathys» ein solches Vergehen mitbekommen haben, drohte ihm vor der ganzen Klasse eine Rüge samt «Tatze» auf die offene Handfläche. Bei heftigen Regenfällen mutierte die Schlossstrasse bisweilen zum reissenden Gewässer, wenn der Schlossbach die Ufer verliess. Inzwischen wendete sich einiges zum Besseren... oder auch zu anderen Übeln, ist man versucht einzuwenden. Die Gemeinde investierte viel Geld in die Schlosstrasse. Alle Probleme in den Griff zu kriegen, ist ein schier unmögliches Unterfangen.

Die überbordende Entwicklung rund um das einst beschauliche Oensingen macht sich halt überall bemerkbar. In Stosszeiten oder bei einem Unfall auf der Autobahn sucht eine nicht abreissen wollende Blechschlange den Weg aus dem Dorf. Wer sich von der Schlossstrasse kommend in die Hauptstrasse einfügen möchte, droht langes Warten. Kluge haben allerdings schon längst des Rätsels Lösung gefunden: Man beordert seinen Beifahrer über den nahen Fussgängerstreifen, was die Autokolonne zum Anhalten zwingt und einem eine Lücke erkämpfen lässt. «Tatzen» sind deswegen keine zu befürchten. Lehrer Mathys ruht längst im Frieden.

Eine kräftige «Tatze» verdiente allerdings der Kanton, der sich nicht bemüht, dieses Verkehrsproblem zu lösen.

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