Wochenkommentar
Ein Plädoyer für Wirtschaftskapitäne mit Bodenhaftung

Wochenkommentar über das gestörte Verhältnis zwischen Wirtschaft, Politik und Gesellschaft.

Urs Mathys
Urs Mathys
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UBS-Chef Sergio Ermotti (Archiv)

UBS-Chef Sergio Ermotti (Archiv)

Keystone

Es gab Zeiten, da sagte die Wirtschaft der Politik, wo es lang gehen soll. Da sassen prominenteste Wirtschaftskapitäne – oder zumindest deren verlängerte Arme – in den Parlamenten aller Stufen und gaben den Ton an. Der Vorteil war, dass die Wirtschaft direkt eingebunden war in das Wohl und Weh der Gemeinschaft. Der Nachteil, dass dabei die Interessen der Wirtschaft, die naturgemäss nicht immer identisch sind mit jenen des Gemeinwesens, nicht selten einseitig im Vordergrund standen.

Die Wirtschaft hat sich von Politik und Gesellschaft entfremdet

Die Grossbankenbranche war das beste Beispiel einer Gilde, die den Staat in die Geiselhaft ihrer Interessen nahm. So lange, bis wir alle daran zu glauben begannen, dass die aktive Unterstützung von Steuerflüchtlingen so etwas wie einen Teil unserer humanitären Tradition darstelle. Die Grossbanken wehrten sich so lange erfolgreich gegen strengere Regelungen, bis der zuvor viel geschmähte Staat die UBS vor dem Untergang retten musste. Inzwischen, so versichern die Grossbanken, habe man den früheren – mit unzähligen Milliarden-Geldstrafen gebüssten – Praktiken abgeschworen. Entsprechend mutiger treten Bank-Exponenten nun auch wieder an die Öffentlichkeit. So, wie UBS-Chef Sergio Ermotti. Er hat diese Woche gesagt, wie die Politik der Frankenstärke zu begegnen habe. Einiges davon ist richtig. Spätestens dort, wo Ermotti die Aufhebung von Regulierungen im Bankensektor fordert, wird man hellhörig: Es steigt unweigerlich der Verdacht auf, dass hier einer die schwachen Stunden rund um starken Franken dazu nutzen möchte, das Rad der Geschichte in die «guten» alten Zeiten zurückzudrehen.

Dass sich Wirtschaftsexponenten und -verbände wieder vermehrt in die Politik einbringen wollen, ist zu begrüssen. Lange hatte man den Eindruck, dass diesen wichtigen Kreisen mehr oder weniger egal ist, was in den Niederungen der Politik passiert. Dazu beigetragen hat nicht zuletzt die Globalisierung der Wirtschaft, samt dem Verlust der Eigenständigkeit auch grosser schweizerischer Unternehmen: Mit der damit verbundenen Verlagerung der Entscheidzentren ins Ausland nahm auch die Zahl der aktiven Wirtschaftsvertreter in der – nationalen wie solothurnischen – Politik massiv ab. Die wenigsten internationalen Firmen haben ein Interesse an einem zeitraubenden politischen Engagement ihrer Manager. Diese selber kommen – und gehen wieder, noch bevor sie sich vor Ort richtig eingelebt haben, geschweige sich über den Job hinaus hätten einbringen können.

Auch dem Wohl der Gemeinschaft verpflichtet

Der Bellacher Unternehmer Josef Maushart ist aus anderem Holz geschnitzt. Der CEO und Mehrheitsaktionär der Firma Fraisa AG hat sich voll und ganz mit dieser Region und ihren Menschen eingelassen. Der gebürtige Süddeutsche – mittlerweile deutsch-schweizerischer Doppelbürger – setzt sich nicht nur für seine Firma mit Leib und Seele ein, sondern engagiert sich zudem in den verschiedensten Gremien und Organisationen – bis hin zur Volkshochschule Solothurn. Der 49-Jährige weiss, was er will: Sein Unternehmen erfolgreich voranbringen. Aber er ist das Gegenteil des distanzierten, aalglatten Managers. Ihm widerstrebt das pauschale Verteufeln des Staates, das von einigen seiner Kollegen gerne praktiziert wird. Und er hat den Mut, sich dezidiert gegen die verhängnisvolle Abschottungspolitik à la SVP auszusprechen.

In der heutigen Ausgabe dieser Zeitung ist zu lesen, dass Maushart sich den Einstieg in die Politik vorstellen kann. Nicht bei den kommenden Nationalratswahlen – aber vielleicht kandidiert er ja 2017 für den Kantonsrat. Er wäre quasi die «Neuauflage» jener Wirtschaftführer, die es früher in der Solothurner Politik öfter gab – und die heute erst recht gefragt und willkommen wären: Als Firmenchefs und Patrons, denen neben dem Florieren ihres Unternehmens und dem eigenen Wohl auch jenes der Mitarbeitenden und des Staatswesens am Herzen liegt.

@ urs.mathys@azmedien.ch