Gastkolummne
Ein dringender Fall

Rhaban Straumann
Rhaban Straumann
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Nicht immer ist klar ob ein Bett frei ist. (Symbolbild)

Nicht immer ist klar ob ein Bett frei ist. (Symbolbild)

Keystone

Sharon muss ihr künstliches Hüftgelenk ersetzen. Sie gilt als dringender Fall. Mit einer Wartezeit von maximal 12 Monaten, erzählt sie beim Abendbrot im Frühstücksraum. Dass sie einen Termin im ersten Drittel besagter Frist kriegte, habe sie überrascht. Morgen sei es so weit. Heute rief das Spital erneut an. Der zugesicherte Termin könne unter Umständen gestrichen werden. Man wisse nicht, ob ein Bett frei sei. Falls doch, rufe man sie noch einmal an. Nett. Sharon ist ziemlich angespannt. Erhielte sie keinen Anruf mehr, hiesse das, dass sie tags darauf trotzdem erscheinen müsse. Ob ihr Termin wahrgenommen werden würde, erführe sie vor Ort. Es ist eine Autofahrt von zwei Stunden. Vielleicht umsonst.

Dies Trauerspiel spielt nicht in einer verlassenen Gegend, fern von jeglicher, staatlicher Infrastruktur. Wie im Yukon Territory, Kanada, wo mir Ähnliches zu Ohren kam. Eine Tagesfahrt für eine Augenoperation, welche nicht stattfand. Weil der Arzt ausfiel. Ferienhalber. Sharon lebt in einem Flecken Europas, wo die Menschen derart hundevernarrt sind, dass in Cafés «dog beer» angeboten wird. «We are very dog friendly», erklärte ein Gast, als ich fassungslos die Flasche Hundebier in den Händen hielt. «Indeed, you are.» Dachte ich. Es leben die Hunde.

Sharon lebt in Dolgellau. Sie ist Gastgeberin eines sehr gemütlichen B&B südlich vom Snowden im nördlichen Wales. Grossbritannien. Gross fühlt sich anders an. Hier schliessen die allermeisten Geschäfte abends um fünf. Manchmal um halb sechs. Oder früher. Menschen leben trotzdem hier. Bauern auch. Und Bäuerinnen. Viele von ihnen führen einen und vereinzelt andernorts einen zweiten Campingplatz. Weil sie einen anderen Hof übernommen haben. Das Bauernhofsterben grassiert auch hier. Hier, wo vor allem Schafe grasen. Gras fressen bis hoch auf die Hügel hinauf. Auch im Nationalpark. Rentieren aber tuts nicht. Scheren kostet mehr als sie für die Wolle kriegen. Das Fleisch macht die Kasse nicht weniger knapp. Dem Konsument ist günstig nicht billig genug. Dafür kriegen sie Subventionen fürs Mauern pflegen und Bäume hegen. Alte Steinmauern zieren die Landschaft, junge Wälder schützen vor Überschwemmungen. Sage die Regierung. Sagt Gwenan. «I don’t think it works», zweifelt die Zeltplatzbäuerin. Wie sollen Bäume gegen Erosion wirken? Ich erkläre ihr Zusammenhänge, sie trauert baumloser Hügellandschaft nach. So war es eben. Früher. Wie man auf alten Fotos sehe. Sagt die junge Frau. Später sinniere ich, wie es früher war. Vor den Bildern. Bevor Wälder für den Schiffsbau schwanden und Schafe auf Hügel wanderten.

Tags zuvor, morgens um halb sechs. Nick fährt mit dem Auto vor. Die Tür geht auf. «Barambababam!» Das Autoradio. Laut. Sehr laut. Zu laut. Sharon steigt ein. Ihr Freund fährt. Sie hat Putzmittel, Lappen, Desinfektionsmittel mit. Seit der Putzdienst in den Spitälern privatisiert wurde, komme Gewinn vor Sauberkeit. Hat sie erlebt. Sagt sie. Drum putze sie selber, ihr Spitalzimmer samt Spital. Wortwörtliche Privatisierung.