Gastkolumne
Die Wahrheit

Eine Gastkolumne über eine der ältesten Fragen, welche die Menschheit beschäftigen.

Konrad Jeker
Konrad Jeker
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Fake News können nur also solche entlarvt werden, wenn man auch die Wahrheit kennt, meint Konrad Jeker.

Fake News können nur also solche entlarvt werden, wenn man auch die Wahrheit kennt, meint Konrad Jeker.

Keystone

In den Medien wird viel über «Fake News» und alternative Fakten berichtet. Darunter versteht man Falschmeldungen, also Meldungen, die nicht der Wahrheit entsprechen. Von einer Falschmeldung kann daher nur sprechen, wer die Wahrheit kennt und weiss, was Wahrheit überhaupt ist. Darüber spricht aber niemand. Alle scheinen zu glauben, das sei ja klar. Weit gefehlt!

Darüber, was Wahrheit ist und wie sie festgestellt wird, denkt die Menschheit schon lange nach. Zu einem klaren Ergebnis ist sie bisher nicht gekommen. Nach der verbreitetsten Ansicht entspricht eine Aussage der Wahrheit, wenn sie mit den objektiv feststellbaren Tatsachen übereinstimmt. Das tönt aber einfacher, als es ist, denn Menschen verfügen über unterschiedliche Wahrnehmungen und verarbeiten sie auch anders. Es ist daher gar nicht möglich, zu wissen, was objektiv einer Tatsache entspricht. Das heisst im Ergebnis, dass es «die Wahrheit» gar nicht geben kann, womit die ganzen «Fake News»-Diskussionen schlicht keinen Sinn machen.

Wer sich dennoch nach Fakten sehnt, kann Wahrheit durch Vertrauen ersetzen und einfach denjenigen glauben, denen er vertraut. Das kann beispielsweise die Kirche, der Staat, die Presse oder die Wissenschaft sein. Wahrheit durch auf Vertrauen beruhende Scheinwahrheit zu ersetzen, ist schon deshalb sinnvoll, weil die meisten Informationen, die ein Mensch aufnimmt, sowieso nicht auf eigener Wahrnehmung beruhen, die er wenigstens subjektiv beurteilen könnte. Man glaubt daher einer Information beispielsweise dann, wenn sie in einer seriösen Zeitung oder in der Studie einer renommierten Universität steht oder einfach, weil sie der glaubwürdige Nachbar erzählt. Wahr ist, was man glaubt, und man glaubt, was man für glaubwürdig hält oder halten will.

Mit solcher Beliebigkeit kann sich niemals abfinden, wer – wie der Staat – gesellschaftliche Kontrolle beansprucht. Aber auch der Staat verfügt nicht über die Fähigkeit, die Wahrheit festzustellen. Er kann sich erst recht nicht darauf verlassen, dass man ihm vertraut. Der Staat verfügt aber über das Gewaltmonopol und damit auch über das Wahrheitsmonopol. Er kann verordnen, was als Wahrheit zu gelten hat, und so tun, als gebe es mehr als blosse Scheinwahrheiten. Das demonstriert er besonders eindrücklich mit dem Strafrecht.

Wann immer die staatliche Ordnung durch ein Delikt gestört wird, schaltet der Staat seine kühnsten Wahrheitsexperten ein, die Staatsanwälte und Strafrichter. Sie können nicht nur beurteilen, ob und wie sich eine Straftat, die sie selbst nicht erlebt haben, ereignet hat. Sie können darüber hinaus auch die Täter ermitteln und sie verurteilen, je nach Verschulden auch zu einer langjährigen Freiheitsstrafe. Eine solche Strafe zu vollstrecken, wäre natürlich nur dann legitim, wenn das Urteil auf der Wahrheit beruhen würde. Da man die Wahrheit aber eben nicht kennen kann, stellt sie der Staat selbst her und hält sie im Urteil fest. Das Urteil ist die Wahrheit. So schliesst der Staat ganz nebenbei auch Fehlurteile aus.