Kommentar
Die wahren Sünder

Allein im Kanton Solothurn führen Tausende von Sans-Papiers ein Leben im Versteckten und Ungewissen.

Urs Mathys
Urs Mathys
Merken
Drucken
Teilen
Sans Papiers – Tausende leben illegal in der Schweiz.

Sans Papiers – Tausende leben illegal in der Schweiz.

Keystone

Valentin lebt seit über 25 Jahren in der Schweiz. Der Kosovare arbeitet regelmässig, fällt weder der Sozialhilfe zur Last, noch hat er Schulden, er spricht gut Deutsch, respektiert hiesige Sitten, Gebräuche und die Rechtsordnung. Kurz: Ein Ausländer wie im Bilderbuch, der sogar SVP-Politikern sympathisch sein müsste. Allerdings: Valentin verstösst sehr wohl gegen das Gesetz. Er lebt ohne Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz – seit Jahr und Tag.

Valentin ist ein Sans-Papiers. Einer von Tausenden alleine in unserem Kanton, die in steter Angst davor leben, entdeckt zu werden und dann das Land verlassen zu müssen. Nun hat Valentin genug: Er hat ein Härtefallgesuch eingereicht und hofft, dass seine Anwesenheit nachträglich legalisiert wird. Valentin hat Glück: Er hat einen Arbeitgeber, der sein «Outing» unterstützt, obwohl er sich damit selber Ärger mit den Behörden einbrockt. Glück auch, weil der Chef ihn stets anständig entlöhnt und die Beiträge an Pensionskasse und Sozialversicherungen bezahlt hat.

Damit dürfte Valentin zu einer Minderheit zählen: Viele dieser Rechtlosen und Vogelfreien werden schlecht bezahlt, Sozialleistungen und Ferien werden ihnen vorenthalten, oft hausen sie unter menschenunwürdigen Bedingungen. Die Zahl der Härtefallgesuche nimmt zu und die absehbare Verschlechterung der Wirtschaftslage wird die Situation noch weiter verschärfen. Eine verstärkte Jagd auf die Illegalen wäre die falsche Reaktion. Denn letztlich sind nicht die Sans-Papiers die wahren Sünder und Gesetzesbrecher, die belangt werden müssen, sondern Arbeitgeber, die deren Notlage schamlos ausnützen.