Gastkolumne
Die Schweizer Crux mit dem Krimi

Christof Gasser
Christof Gasser
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Das "Wilder"-Ermittlerduo Rosa Wilder (Sarah Spale) und Manfred Kägi (Marcus Signer).

Das "Wilder"-Ermittlerduo Rosa Wilder (Sarah Spale) und Manfred Kägi (Marcus Signer).

SRF/Pascal Mora

Zusammen mit dem Löwenanteil der Deutschschweizer Bevölkerung sass ich am ersten Dienstagabend des Jahres vor der Glotze und sah mir den Start der dritten Staffel von «Wilder» an, obwohl mich der zweite Durchgang der Serie im Jahr zuvor enttäuscht hatte. Das lag keineswegs an der hervorragenden schauspielerischen Leistung. Eine alte Regel besagt ja: Exzellentes Schauspiel rettet schlechtes Drehbuch und umgekehrt. Es waren dramaturgische Mängel, die mich störten, wie das Auseinanderbrechen der Handlung – ein Alptraum jedes Autors.

Genau das passierte nach den beiden ersten Folgen von Wilder II, als die Drogen-Mafiosi dingfest waren und sich Rosa Wilders französischer Lover Cop auf Nimmerwiedersehen verabschiedete. Und dann? Ab Folge drei wurde mehr oder weniger herumgeeiert bis zur verfrühten Auflösung in Folge 5. Die sechste und letzte Folge dümpelte vor sich hin, bis der absehbare Twist per exgüsee dem Ganzen ein Ende setzte. Dann war da noch diese abstruse Idee, den französischsprachigen Berner Jura als Deutschschweizer Domäne darzustellen. Fiktiver sozio-kultureller Einheitsbrei zulasten der Authentizität in einem Land, das sich seiner multikulturellen Identität rühmt.

So viel zu Wilder II. Die ersten Folgen der dritten Staffel sind punkto Dramaturgie zumindest vielversprechender. Der Plot ist schlüssig, wenn auch im Grunde nicht neu, doch bei welchem Krimi ist er das heutzutage schon? Bei den Pionieren Glauser, Dürrenmatt und Dame Agatha Christie mag das der Fall gewesen sein. Heute liegt die Einmaligkeit einer Geschichte in der Art und Weise, wie der Autor sie durch seine Protagonisten erzählen lässt.

Wilder III läuft so weit gut – bis auf einen Punkt: Wieder wird uns eine französischsprachige Region (La Chaux-de-Fonds und Neuenburger Jura) deutschsprachig präsentiert, zum Beispiel das fiktive Dorf Nottingen, wo Deutschschweizer Polizisten die welsche Bevölkerung bewachen. Kultur- und Sprachkolonialismus pur, während wir uns immer noch über Mohrenköpfe aufregen. Warum kann eine Deutschschweizer Serie nicht im Solothurner Jura oder im Emmental spielen? Oder: wenn schon Westschweiz, dann bitte in aller Konsequenz und authentisch.

Ich denke, die Deutschschweizer TV-Krimiszene ist immer noch zu zögerlich unterwegs, was zum Teil am «gestörten» Deutschschweizer Verhältnis der Kultur-, Literatur- und Medienkreise zum Genre liegen mag. Unsere Westschweizer Landsleute sind sichtlich entspannter, was Krimis in TV- und Buchformat betrifft. Sie bieten dem Genre eine grössere Bühne und produzieren mehr und authentischere Serien, wie «Helvetica», «Quartier des Banques» oder «Cellule de Crise». Haben die Romands eine grössere Affinität zum Drama als die pragmatischen Deutschschweizer? Oder ist es eine Frage des Budgets? Wie dem auch sei, die Hürde sollte rasch genommen werden, bevor wir in der Importflut von Netflix und Co. ertrinken.

Christof Gasser, Schriftsteller, Oberdorf.