Gastkommentar
Die faule Jugend

Ein Gastkommentar von Chrigu Stuber, Programmleiter der Kulturfabrik Kofmehl, zum Vorwurf, die heutigen Jugendlichen seien selbstfixiert und desinteressiert.

Chrigu Stuber
Chrigu Stuber
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Die Kids von heute wägen ab, ob der Sonnenuntergang oder das Duckface-Selfie mehr Härzli (Instagram) bzw. nach oben gerichtete Daumen (Facebook) einbringen. (Archiv)

Die Kids von heute wägen ab, ob der Sonnenuntergang oder das Duckface-Selfie mehr Härzli (Instagram) bzw. nach oben gerichtete Daumen (Facebook) einbringen. (Archiv)

Keystone

Neulich fiel mir ein kritischer Artikel zur heutigen Jugend in die Hände. Die Jugend habe sich verändert. Sie sei im Durchschnitt selbstfixierter, desinteressierter, distanzierter und auch ein Stück weit unpersönlicher geworden. Und vor allem: Soziales und ehrenamtliches Engagement gehe flöten. Grund für die Misere: Smartphones. Und die sozialen Medien.

Klar: die neuen Medien stellen einiges auf den Kopf. Sie eröffnen den Kids in horrendem Tempo neue Kommunikationsmöglichkeiten. Der Nachholbedarf der älteren Generation ist immens. Eltern sind überfordert. Kommunikation als Schulfach? Fehlanzeige.

Aber selbstfixierter? Klar, da gibts die digitale Selbstvermarktung. Die Kids von heute wägen ab, ob der Sonnenuntergang oder das Duckface-Selfie mehr Härzli (Instagram) bzw. nach oben gerichtete Daumen (Facebook) einbringen. Und wehe, ein Foto sammelt in den ersten Minuten keine Likes – dann wird es kurzerhand gelöscht, damit die kleine persönliche Niederlage nicht an die Öffentlichkeit dringt.

Desinteressierter? Klar, die Jugendlichen lesen keine Printmedien mehr. Der simple Grund: Im Smartphone erscheinen die News schneller. Stürzt ein Flugzeug ab, gibts auf Twitter bereits nach Sekunden die ersten ungefilterten Fotos – lange bevor der erste Reporter an der Unglücksstelle eintrifft. Und das, was auf dem Handyscreen erscheint, ist erst noch personifizierter: Google, Facebook, Youtube und Co. passen ihre Inhalte den Vorlieben des jeweiligen Nutzers an. Wer zum Beispiel beim Rapper «Cro» auf «Gefällt mir» klickt, kriegt todsicher mit, wann dessen neues Album erscheint – die verteilten «Likes» bestimmen, welche Werbeanzeigen dem jeweiligen Nutzer angezeigt und mit grösster Wahrscheinlichkeit angeklickt werden.

Distanzierter? Klar, potenzielle PartnerInnen müssen nicht mehr an der Bartheke angequatscht werden – heute gibts Apps wie Tinder, die einem Bilder von gleichaltrigen Personen aus der Region aufs Handy schicken. Man verteilt Herze und Kreuze, und wenn die Gegenseite auch auf das Herz klickt, öffnet sich automatisch ein Chatfenster.

Unpersönlicher? Klar, das Aufgebot zum nächsten Fussballmatch kommt längst nicht mehr per Post. Nicht mal mehr per E-Mail. Sondern über Whats App. Kurz, prägnant, dazu erst noch gratis. Und die Kids unterhalten sich auf Snapchat, wo Nachrichten und Bilder nach dem Lesen sofort wieder verschwinden.

Aber wer der Jugend gerade wegen ihrer neuen Errungenschaften Antriebslosigkeit und fehlendes soziales Engagement vorwirft, der irrt gewaltig. Bei uns in der Kulturfabrik Kofmehl melden sich jede Woche engagierte Jugendliche, die mithelfen und etwas bewegen möchten – mehr als je zuvor. Zum Saisonstart spülte ein einzelner Facebook-Post rund 20 neue Gesichter ins Kofmehl-Team – früher undenkbar. Ob beim Fussballclub, im Theater, in der Gugge oder im Turnverein – die grosse Mehrheit der Jugendlichen engagiert sich ehrenamtlich. Und auch wenn in Medien und am Stammtisch oft ein anderes Bild gezeichnet wird: Keine andere Altersklasse kann der «u20»-Generation diesbezüglich das Wasser reichen.