Seitenhieb
Der Tourist mit der Löffelliste

Was soll man im Bewusstsein seiner Vergänglichkeit noch tun, bevor man stirbt? Löffellisten verschaffen Abhilfe. Sie schlagen uns vor, was wir vor unserem Tod noch essen oder tun könnten.

Andreas Kaufmann
Andreas Kaufmann
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Vielleicht sollte man noch auf einem Elefanten reiten, bevor man stirbt? (Symbolbild)

Vielleicht sollte man noch auf einem Elefanten reiten, bevor man stirbt? (Symbolbild)

KEYSTONE/EPA/BARBARA WALTON

«1'000 Orte, die man gesehen haben muss, bevor man stirbt», so der übersetzte Titel eines weltweiten Reisebestsellers. Wobei der Buchtitel über den heutigen Zeitgeist mehr aussagt als sein Inhalt über die schönsten Flecken der Erde. Nämlich, dass sich der Mensch das ganze Leben in Listen organisiert. Manchmal muss er das. Beim Piloten oder Herzchirurgen führt kein Weg um die Checkliste herum. Doch dann gibt es die «Bevor man stirbt»-Listen, sogenannte «Löffellisten»: was man alles im Bewusstsein seiner Vergänglichkeit noch tun, bereisen oder essen sollte, bevor man vor den Schöpfer tritt. Am bekanntesten und unnötigsten sind solche Listen dann, wenn sie von Touristen mitgeführt werden. Glaubt man urbanen Legenden, so hat ein durchschnittlicher Japaner nicht mehr als einmal im Leben die Gelegenheit für eine Auslandsreise. Ihm lassen wir die Liste als Reiseutensil ausnahmsweise durchgehen.

Dann aber gibt es jenen Touristentypus, der auf Städtereisen den Blick nicht von seiner minuziös durchgeplanten Karte wendet, als wäre es ein Orientierungslauf um Leben und Tod. Hat er den gewünschten Posten erreicht – den Wiener Prater, das Brandenburger Tor, den Schiefen Turm von Pisa oder Solothurn – so wird der Beweis auf Instagram oder Facebook festgehalten und ein Häkchen gesetzt. Und während der Touri den nächsten Hotspot auf der Liste anpeilt, zieht das Leben nebenher vorbei – ganz unbemerkt.

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