Gastkolumne
Der Sohn vom Pfarrer…

Koen de Bruycker, Pfarrer der Reformierten Kirchgemeinde Stadt Solothurn, über die zeitlose Aktualität der christlichen Botschaft.

Koen De Bruycker
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Kreuze können viele unterschiedliche Botschaften haben. (Archiv)

Kreuze können viele unterschiedliche Botschaften haben. (Archiv)

An einem schönen Frühlingstag macht Jules mit dem Kindergarten das jährliche Reisli. Neben den Kindergärtnerinnen begleitet der Vater eines Mädchens die Kinder. Auf dem Weg zu den Dinosaurierspuren im Steinbruch bei Lommiswil passiert die Gruppe ein Kreuz. Jules bleibt stehen, schaut das Kreuz nachdenklich an und wendet sich zur Begleitperson: «He? Jemand hat den Jesus am Kreuz gestohlen!» Der Mann ist überrascht. Als der Mann meine Frau später einmal trifft, erzählt er ihr die Geschichte und sagt schmunzelnd: «So etwas kann nur der Sohn vom Pfarrer sagen.»

Das Symbol Kreuz sowie die Kreuze in Kirchen und auf Friedhöfen haben mich immer fasziniert. So verweilte ich als Kind während des Gottesdienstes gedanklich oft bei einem Bild des gekreuzigten Jesus und seiner weinenden Mutter Maria. In jener Zeit stand das Bild für die grenzenlose Liebe einer Mutter. In unserer Zeit bringt das «leere» Kreuz auf dem Friedhof St. Niklaus für mich die Hoffnung

um Ausdruck, dass der Tod nicht das letzte Wort hat, sondern dass Gott für uns Menschen den Tod überwunden hat. Die Kreuze in Kirchen und auf Friedhöfen versuchen also, die göttliche Liebe darzustellen, und sind zudem oft Kunstwerke. Meine Faszination für das Kreuz geht aber nicht so weit, dass ich mir eines auf den Arm oder die Brust tätowieren lassen würde. Dies überlasse ich gerne anderen, wie Pop- und Fussballstars.

Seit der Geschichte vom Kindergartenreisli betrachte ich aber das Kreuz mit anderen Augen. Ich schaue zuerst, ob es auch Jesus zeigt. Die Bemerkung von Jules hat meine Sicht auf das Symbol «Kreuz» geschärft. Die Wahrheit aus einem Kindermund hat mir wieder vor Augen geführt, dass sich nach der Kreuzigung und Auferstehung von Jesu vor rund 2000 Jahren die Bedeutung des Kreuzes tiefgreifend verändert hat.

Zuvor war es einfach ein Folterinstrument. Die römische Weltmacht schlug damals den Widerstand und die Dissidenten ans Kreuz und liess sie qualvoll sterben. Es war ein wirkungsvolles Mittel, um oppositionelle Kräfte oder auch nur Andersdenkende aus dem Weg zu räumen. Im römischem Imperium ging es beim Kreuz denn auch nicht um die symbolische Bedeutung, sondern um Machtentfaltung und tödliche Unterdrückung.

Am Karfreitag gedenken wir Christen des gewaltsamen Todes von Jesus. Er musste am Kreuz wegen seiner gewaltfreien Botschaft und wegen seines Appells zu einer besseren Welt sterben. Die damaligen Herrscher, die römischen und jüdischen Machthaber, fühlten sich von Jesus und seiner Bewegung bedroht.

Auch heutzutage fühlen sich Herrscher bedroht. So fürchtet sich Putin in Russland vor der jugendlichen Protestbewegung. Aus Angst unterdrückt Baschar al-Assad in Syrien mit Gewalt unbewaffnete Bürger. Sein tödlicher Angriff auf Zivilisten und Kinder am 4. April manifestiert auf drastische Weise die Skrupellosigkeit von Herrschern. Der Appell von Jesus zu einer besseren und gerechteren Welt ist deshalb brandaktuell.

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