Analyse
Das Tellendorf steht zu seinem guten Hirten

Analyse zum Beispiel des Pfarrers von Bürglen.

Christian von Arx
Christian von Arx
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Der Pfarrer von Bürglen an der Sennen und Älpler Chilbi (Archiv)

Der Pfarrer von Bürglen an der Sennen und Älpler Chilbi (Archiv)

Keystone

Herzlich willkommen in Bürglen, der Heimat Wilhelm Tells! So wird man auf der Homepage der Urner Gemeinde begrüsst. Aber Bürglen hat nicht nur einen sagenhaften Armbrustschützen, Bürglen hat auch einen Pfarrer mit Kopf, Herz und einer segnenden Hand. Wendelin Bucheli heisst er.

Bürglen zählt fast 4000 Einwohner, zu über 90 Prozent Mitglieder der römisch-katholischen Kirche. Letztes Jahr kamen zwei Frauen zum Pfarrer und baten ihn um den kirchlichen Segen für ihre Beziehung. Was tun? Wendelin Bucheli hat dem lesbischen Paar letzten Oktober seinen Segen erteilt. Der «Neuen Urner Zeitung» erklärte er das so: «Diese beiden Menschen gehören zu meiner Pfarrei. Und sie sind verwundet. Es ist nicht einfach für einen Menschen, wenn er erkennen muss, dass er gleichgeschlechtlich veranlagt ist. Als Hirte im Geiste Jesu muss ich mich besonders der Schwachen, der Verletzten und der Ausgegrenzten annehmen (...) So verstehe ich das Evangelium, und so habe ich gehandelt.»

Anders, ganz anders versteht das Evangelium Vitus Huonder, Bischof von Chur. Nicht Segen, sondern Strafe hält er für den Pfarrer von Bürglen bereit. Wendelin Bucheli soll die Pfarrstelle in Bürglen aufgeben, der Bischof will ihn ins Bistum Lausanne abschieben. – Wehe dem, der ein homosexuelles Paar segnet – er wird seine Stelle verlieren. Das ist die Drohbotschaft an alle Seelsorgenden im Bistum Chur. Handelt so ein Hirte im Geiste Jesu?

Lieber als vom Geist Jesu reden die Sprecher des Bischofs von der Lehre der Kirche. Denn über diese verfügen sie, schwarz auf weiss. Wer sich auf dieser Ebene mit ihnen anlegt, hat verloren. Denn in dieser Lehre sind nun einmal homosexuelle Beziehungen nicht anerkannt und nicht segenswürdig. Wer anders denkt und anders handelt, widerspricht der Lehre der Kirche – und muss weg.

Das Problem der Hüter der Lehre vom Schlage Huonders könnte sein, dass ihre Lehre nicht vom heutigen Leben spricht. Genauer: Dass diese Lehre keine Brücke zwischen dem Leben heutiger Menschen und dem Evangelium mehr bauen kann. Diese Lehre steht in den Papieren der Kirche, aber die Menschen hören ihr nicht zu. Sie wenden sich ab von einer Lehre, die im Zweifelsfall – siehe Bürglen – Rechtfertigung für Härte und Unbarmherzigkeit, für Diskriminierung und Ausgrenzung ist. Die Lehre der Kirche ist auch ihre Leere.

In Kappel gibt es die Töffsegnung auf dem Born, im Thal gibt es den Weidsegen auf den Juraweiden. Gut so! Dort finden Seelsorger Zugang zu Menschen von heute. Aber sind Töfffahren oder Nutztierhaltung Sakramente der Kirche? Wenn nein, warum segnet die Kirche Menschen, die Motorrad fahren oder Rinder züchten, nicht aber zwei Frauen, die versprechen, sich zu lieben und füreinander zu sorgen? Die «Lehre» der Kirche, die Bischof Huonder als Strafgesetzbuch missbraucht, ist in diesem Bereich weit weg von der Realität des Lebens, sie spricht nicht zu den Menschen unserer Zeit.

Gewiss, man kann in der Kirche auch anders. Felix Gmür, der Bischof von Basel, hat noch keinen Seelsorger wegen einer Segnung von Homosexuellen abgesetzt. Er lässt eine Grauzone zu, in dem Sinne: Macht kein Aufheben davon, dann geschieht euch nichts. Keine Drohbotschaft also im Bistum Basel – das ist schon viel. Es ist wenigstens menschlich, aber es ist kaum besonders ehrlich, und es ist sicher nicht mutig. Ehrlichkeit und Mut: Wären das nicht Forderungen an Christen?

Aber eben, die «Lehre der Kirche» gilt auch für den Bischof von Basel. Auf Anfrage dieser Zeitung liess er ausrichten, ein Priester könne nur einzelne Personen segnen, nicht die Beziehung eines gleichgeschlechtlichen Paares. Hoffentlich ist das nicht seine Antwort an einen fragenden Seelsorger. Was hätte dieser «Rat» Pfarrer Bucheli geholfen, als die zwei Frauen bei ihm anklopften?

Bucheli hat sich diese Woche zu Wort gemeldet. «Ich werde meine Demission nicht einreichen. Es sind die Bürgler, die aus mir diesen Pfarrer gemacht haben, der ich bin. Sie haben mich gelehrt, was ein guter Hirte ist. (...) Ich verlasse meine Herde derzeit nicht.» Und die Bürgler wollen ihn behalten: Kirch- und Einwohnergemeinde haben gemeinsam erklärt, dass sie hinter ihrem Pfarrer stehen und seinen Entscheid unterstützen. Im Tellendorf wollen sie einen, der nicht nach der Lehre der Kirche handelt, sondern im Geist Jesu. Wenn das keine gute Nachricht für die Kirche ist.

vonarx@oltnertagblatt.ch