Analyse
Das neue «Westend» und das Niemandsland

Analyse zur Standortwahl von Migros am Nordende der Solothurner Westumfahrung.

Wolfgang Wagmann
Wolfgang Wagmann
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Durch die Westumfahrung bekommt der Westen mehr Gewicht.

Durch die Westumfahrung bekommt der Westen mehr Gewicht.

Simon Dietiker

Der Bau der Solothurner Westumfahrung beflügelte die Fantasie von Standortinhabern wie -suchenden gleichermassen. Dabei war der südliche Anfangs- oder Endpunkt sehr rasch abgehakt: Aldi machte sich bei der Auffahrt Bürenstrasse in der neu kreierten Biberister Gewerbezone breit. Ein Schritt, den Solothurn gerne verhindert hätte, aber auf dem rechtlichen Weg nicht durchkam. Denn von Anfang an wollten die Stadt und mit der nachfolgenden Raumplanung auch der Kanton an der neuen Umfahrung die publikumsintensiven Anlagen möglichst beschränken. Auch Lagerhallen und Garagen sollten keinen Platz haben, sondern nur Betriebe mit qualitativ hochwertigen Arbeitsplätzen.

Während die Biberister «Ecke» südlich der Aare im Nu zugebaut war, tat sich nördlich der Brücke vorerst wenig und dann schon gar nichts mehr. Das bereits vor der Umfahrungs-Eröffnung 2008 geräumte Kofmehl-Areal war zwar von Coop Nordwestschweiz zum künftigen Standort eines neuen Centers im Stil von Biberist erkoren worden. Doch ein zäher, unnachgiebiger Nachbar profitierte von einem Formfehler und konnte die Einsprachenmühle nach einem Bundesgerichtsentscheid wieder ganz von vorne ankurbeln. Ein Ende ist derzeit nicht absehbar, sodass von noch zwei möglichen Standorten für ein Einkaufscenter entlang oder am Rand der Westumfahrung der eine wohl noch für längere Zeit blockiert bleiben dürfte.

Der zweite mögliche Standort, das Sauser-Areal in der Ecke Jumbo-Kreisel-Bielstrasse-Fabrikstrasse hält die besseren Karten in der Hand. Hat es doch die Hürde des Gestaltungsplans geschafft. Und nach länger als erwarteten Verhandlungen einen potenten Mieter gefunden: die Migros Aare, mit dem kleineren Bruder Denner als Dreingabe. Deshalb braucht es keine hellseherischen Fähigkeiten, um zu wissen, wer zuerst die Türen zu seinem Einkaufstempel – in beiden Fällen primär auf Food ausgerichtet – öffnen kann: Wohl kaum Coop auf dem juristischen Schlachtfeld des Kofmehl-Areals.

Warum aber leistet sich Migros diesen Standort an der Zufahrtsstrasse zu seinem grossen Ladendorf nur zwei Kilometer weiter nordwestlich in Langendorf? Wohl kaum, um nur den Konkurrenten Coop 300 Meter südlich auszubooten – was bei einer allzu langen Bauverzögerung durchaus der Fall sein könnte. Auch die Verkehrsgunst im Fadenkreuz der innerstädtischen West-Ost- und Süd-Nord-Beziehungen kann nicht das entscheidende Kriterium für den «Orangen Riesen» sein.

Zumal die Verkehrsplaner für die Westumfahrung ein eher düsteres Verkehrs-Szenario zeichnen: Ab 2020 soll die schon beim Bau bewusst knapp dimensionierte, dannzumal erst zwölfjährige Schlagader chronisch überlastet und verstopft sein. Das hat seinen Grund aber auch darin, dass der Schwerpunkt der Stadtentwicklung zunehmend in den Westen verlegt wird, vor allem dank den «Weitblick»-Plänen. Zwar sind dort autoarme Zonen bei potenziellen Investoren, der Politik und Stadtplanung ein Thema – der Verkehr dürfte dennoch zunehmen. Zusätzlich wird allein die bauliche Verdichtung neue Kundschaft generieren, die in kurzer Distanz nicht aufs Auto (allein) angewiesen ist.

Dazu kommt ein ganz anderer Aspekt: Das bisherige «Westend» von Solothurn hat massiv an Attraktivität eingebüsst, seit die Wengibrücke für den Autoverkehr gesperrt worden ist. Nicht nur, weil das Auto bloss noch auf Umwegen dorthin kommt. Aber auch. Vor allem wurde kaum etwas getan, um den fast autolosen Zustand im Bereich Post- und Wengistrasse für eine urbane Umgestaltung, sprich Fussgängerzone, zu nutzen. Ausser der Umpolung des spärlichen Restverkehrs im bisherigen Strassenverlauf ist nichts geschehen – abgesehen von politisch motivierten, aber eher kontraproduktiven Einzelvorstössen.

So sollen Parkplätze an der Zufahrt zum Geschäftsviertel, der Westbahnhofstrasse, zugunsten des Veloverkehrs aufgehoben werden. Auch die beabsichtigte Umgestaltung des Postplatzes steckt noch tief in der Pipeline. Sie ist noch keine reale Perspektive, um den schleichenden Niedergang der einst prosperierenden Einkaufsmeile zwischen der ehemaligen Hauptpost, dem heute trist wirkenden Swisscom-Bunker an der Aare, und dem seit Jahren fast ganz leer stehenden ABM-, später Loeb- und Post-Standort aufzuwerten.

Genau dort aber halten als quasi letzte Aktivposten und Frequenzbringer seit Jahrzehnten Migros und ein Denner-Store für die im MM-Bau nicht erhältlichen Alkoholika die Festung. Natürlich beteuert Migros Aare, an der Wengistrasse bleibe alles beim Alten, auch wenn rund 800 Meter weiter westlich beide Player schon bald einen neuen, attraktiven Auftritt haben werden. Auf diese Zusicherung verlassen sollte sich Solothurn aber in der heutigen, schnelllebigen Zeit nicht. Wer hätte bis vor kurzem einen Plan ernst genommen, Manor gebe seinen Food-Standort bei der Schanzmühle auf? Und ziehe mit Fisch und Gemüse ins Altstadt-Warenhaus?

Niemand. Das neue «Westend» von Solothurn nimmt Formen an – ein absehbares Niemandsland vor der Altstadt auch.