Gastkolumne
Bagdad in meinem Herzen

Hafner-Al-Jabaji
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«Ich wusste nicht, dass noch so viel Irak, so viel Bagdad in mir steckt.» Die Islamwissenschafterin aus Grenchen, Hafner-Al-Jabaji, über die Emotionen, die ein Film bei ihr ausgelöst hat.

«Ich wusste nicht, dass noch so viel Irak, so viel Bagdad in mir steckt.» Die Islamwissenschafterin aus Grenchen, Hafner-Al-Jabaji, über die Emotionen, die ein Film bei ihr ausgelöst hat.

Oliver Menge

Kennen Sie das? Sie schauen sich einen Film an und denken: Da erzählt einer genau meine Geschichte! Er beschreibt das Erleben in genau meinen Bildern, in genau meiner Sprache. Die Figuren haben alle eine Entsprechung in meinem eigenen, realen Leben. Ich erkenne mich wieder in der Atmosphäre, in den Themen, in den Kleidern, im Essen, in den Räumlichkeiten, von denen der Film erzählt. Ich kenne die Konflikte, die ausgetragen werden, die Befreiungsschläge als Frau, die Verzweiflung über das Unverständnis, das Unwissen und der Argwohn in der Gesellschaft. Ich kenne das Misstrauen untereinander. Ich weiss, dass verschiedene politische und religiöse Ideologien selbst unter geschätzten Freunden rasch hitzige Diskussionen auslösen und zu Streit führen können. Ich kenne die Spannung, in der junge Menschen sind, wenn sie zwischen verschiedenen Kulturen aufwachsen, ihre Verletzlichkeit und ihre Verführbarkeit. Ich kenne die Machtmenschen, die das auszunutzen wissen.

Ich kenne die Frage nach der Identität. Die Frage danach, wie hemmend Tradition für die Entwicklung eines Menschen sein kann und wie hilfreich Glaube in einer Welt voller Zerrissenheit, Ausgrenzung, Hass, Brutalität und tiefer Verunsicherung ist. Ich weiss wie viel Erleichterung Humor, Poesie, Sinnlichkeit und eine ordentliche Portion Sarkasmus bringen. Und ich weiss wie schwierig es ist, all diese vielschichtigen Erfahrungen Aussenstehenden zu vermitteln.

Als ich den Film des schweizerisch-irakischen Filmemachers Samir, «Baghdad in my Shadow», vor einigen Wochen zum ersten Mal sah, hat es mich am Ende regelrecht «verhudlet». Mein emotionaler Ausbruch kam so unverhofft, ohne jegliche Ankündigung und hat mich kolossal überrollt. Ich war als Schweizerin, als «gut integrierte Seconda», als eine, die über Jahrzehnte all die bikulturellen Wirren geklärt und hinter sich gelassen hat, ins Kino gegangen. Hundertzehn Minuten später sass ich in Tränen aufgelöst und aus meiner schweizerischen Identität herausgeschält im Kinosessel und wusste nicht recht, wie mir geschieht. Waren es die eindringlichen Schlusssätze im Film, die meine eigene unerfüllte Sehnsucht und Hoffnung in Worte fasst? Dass ich irgendwann meinen eigenen Kindern einmal Bagdad zeigen würde? Das Bagdad meiner Erinnerung? Oder ist es die unerwartete Konfrontation mit der eigenen Geschichte und Diaspora-Erfahrung, die mich empfindlich berührt hat, weil sie zum ersten Mal nicht als lineare Abfolge von Ereignissen erzählt wird und nicht ein einzelner Faden zur spektakulären Story gesponnen wurde. Sondern weil hier die ganze Komplexität des Lebens in der Diaspora zum Tragen kommt. Es ist ein dichter Teppich aus verschiedensten Fasern und Fäden, verwoben zu einem Muster, das nur zwei Sorten Menschen verstehen: Diejenigen, die es in sich tragen, und diejenigen, die sich dafür öffnen. Es ist Zeit, diese Komplexität zu thematisieren und sie anzuerkennen. Der Film ist eine unbequeme Aufforderung dazu, an alle – auch an mich selbst.

Vielleicht rührt meine emotionale Erschütterung aber noch woanders her: Ich wusste nicht, dass noch so viel Irak, so viel Bagdad in mir steckt. Vor allem wusste ich nicht, dass diese Überreste die ganze Zeit über nicht in meinem Kopf, sondern in meinem Herzen überdauert haben.