Kommentar
Advents-Affenhitze

Warum es uns im November warm ums Herz wird, aber keineswegs weihnächtlich.

Wolfgang Wagmann
Wolfgang Wagmann
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In den Bergen warten sie allmählich auf Schnee. Doch keiner ist in Sicht. (Archiv)

In den Bergen warten sie allmählich auf Schnee. Doch keiner ist in Sicht. (Archiv)

Vera Havrda

Am grünen Hang schnattern gegen 300 Gänse. Nicht mehr lange. In vier, fünf Wochen wird die Wiese leer sein. Und die Gänse kopflos in der Pfanne schmurgeln. Noch geniessen sie ihr Leben.

Denn nichts deutet auf Weihnachten hin. T-Shirt-Wetter, Sonne pur bald 20 Grad am Mittag. In Solothurn hängen sie die Weihnachtsbeleuchtung auf, erste Schaufenster werden mit adventlichem Glitzerkram bestückt.

In den Köpfen solls warm werden, auch wenn die Herzen noch nicht so weit sind. Warm ist Gift für Weihnachten. Und in den Bergen warten sie allmählich auf Schnee. Doch keiner ist in Sicht. Doppelt schlecht bei dem starken Franken.

Aber nicht ungewöhnlich. 2013 sassen wir am 23. Dezember draussen an der Aare. Stundenlang. Und am Heiligabend wurden in Welschenrohr rekordverdächtige 20 Grad registriert – der wärmste Tag des «Winters».

Eigentlich ganz angenehm. Sogar der älteste Solothurner, der Nebel, hat sich verzogen. Doch Kalenderblatt um Kalenderblatt, die schneller fallen als jene von den Bäumen, rückt die «heiligi Zyt» näher.

Sie muss sein. Adventsausstellungen noch und nöcher, Weihnachtsmärkte und auch die Geschäfte brauchen den Umsatz – vom Pneuhändler bis zum Delikatessenladen. Dabei könnte in den Auslagen Bademode liegen.

Und die heissen Marroni möchten alle mit den Gelati tauschen, die es an keiner Strassenecke mehr gibt. Die Marketing-Strategien sind gemacht, Kunstschnee und Plastik-Eiszapfen müssen suggerieren, was Tag für Tag nicht ist.

Nur eine Branche hat den klimatischen Sommerweihnachtssprung tatsächlich geschafft – die Kleinbrauer. Ihr Adventskalender ist voll und ganz auf heisse Weihnachten getrimmt: Hinter jedem Türchen lauert ein frisches Bierchen. @ wolfgang.wagmann@azmedien.ch