Gastautor
Abstand mit Anstand

Rhaban Straumann
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Eine Umarmung zur Begrüssung?

Eine Umarmung zur Begrüssung?

Chris Iseli

Es kommt hie und da zu Begegnungen, wo mir nicht klar ist, ob ich die Person duzen darf oder siezen sollte. Zu fern der letzte Kontakt, um eine ernsthafte Erinnerung zu sein. Waren wir schon beim Duzen? Verblieben wir beim Siezen? Übersprangen wir das Siezen gar? Wer tat den Schritt zum Du? Wie soll die Begrüssung nun ausfallen? «Grüezi» oder «Hoi»? Es hilft das «Hallo». Mal gucken, wie das Gegenüber reagiert.

Natürlich gibt es Situationen, da täte ich gerne mit Siezen triezen. Wenn ich einem Menschen begegne, der mir Bauchweh verursacht zum Beispiel. Dann hülfe ein Sie ungemein. Oder manchmal würde ich es vorziehen, falls wir schon beim Duzen waren, zum Siezen zurückzukehren. Etwas Abstand einfordern. Mit Anstand. Rar gewordene Distanz zurückgewinnen. Heute ist mir vieles zu unanständig nah.

Ein Sie würde mich auch vor der Umarmungsmanie bewahren. Was früher die drei Küsschen waren, ist heute die Umarmung. Nur bedeutend epidemischer. Alles umarmt sich, obwohl man sich nur oberflächlich kennt. Oft reicht eine einzelne Begegnung aus, um sich beim Verabschieden zu umarmen. Dabei ihm auf die Schulter klopfen, der Frau über den Rücken streicheln und ihr vielleicht ungefragt einen Kuss auf die Wange drücken.

Und alle lassen sich alles gefallen. Man hört höchst selten ein «Nein, das will ich nicht». Für eine Umarmung reicht es offenbar aus, wenn sich zwei Menschen nett finden. Zwischen Freund, Freundin, Bekannte, Verwandter oder Familie wird nicht unterschieden. Alle sind irgendwie alles und doch nicht. Hauptsache nett.

Ist dieser Vertrautheit zu trauen? Geht durch dick und dünn, was sich umarmt? Was geschieht, falls in der trauten, umarmten Runde die Themen über die Banalitäten hinausgehen? Wenn auf die Nettigkeiten Meinungen folgen? Wenn Widerspruch oder gar Kritik geäussert wird, ausnahmsweise die Wahrheit auf den Tisch kommt? Wenn persönliche Sorgen und Ängste formuliert werden? Oder bleibt das alles aussen vor? Der umarmte Kreis wird geschont, die Ehrlichkeit ist für den engsten Kreis reserviert, ebenso die schlechte Laune. Doch was zählt dann die Umarmung mit den Nächsten noch?

Ob da ein Zusammenhang besteht, zwischen oberflächlicher Berührungslust und möglicher Entwertung echter Tiefe, weiss ich nicht. Es sind schlichte Beobachtungen eines zurückhaltenden Beobachters, der manche der Pandemie geschuldeten Einschränkungen befreiend empfindet. Nicht nur für Frauen wurde das Sammelsurium an mutwillig beliebigen Berührungen weniger. Sei es ein Kuss zu nahe gegen die Lippen gedrückt, eine gespielt väterliche Hand auf dem Unterarm, das lässige Knuffen auf Hüfthöhe oder andere Lästigkeiten.

Auch ich muss mich von Frauen, die mir sonst übergriffig kamen, nicht mehr abknutschen lassen. Es ist eine gute Zeit, um den Wert einer einzelnen Berührung schätzen zu lernen, herauszufinden, welche Umarmung wirklich Trost spendet, Geborgenheit vermitteln kann.

PS: Von allen Begrüssungsformen empfinde ich die Verneigung als sehr berührend. Weil respektvoll. Das hat Stil. Auch eine Verneigung vor dem Leben.

Rhaban Straumann, Schauspieler, Olten.