Baselwords
Arroganz, Ignoranz und andere Todsünden

Roger Thiriet
Roger Thiriet
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(Symbolbild)

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Martin Toengi

Tout Bâle verfolgte vergangenen Monat die Krisen beim FCB. Und bei der MCH.

Zwar hatte es sowohl den Rausschmiss des Cheftrainers des Fussballclubs Basel 1893 wie auch den Abgang des CEO der Mustermuba CH Ltd. Messe Holding (Ltd.) Schweiz Group AG 2009 etc. schon länger kommen sehen. Mehr Gesprächsstoff lieferten die Sünden, die zum schleichenden Niedergang der beiden ehemaligen Top-Shots geführt hatten.

Wie nicht nur Fussballexperten feststellten, stolperte der Walliser Wicky offensichtlich über die 2. christliche Tugend der Mildtätigkeit («caritas»), die er als Trainer-Newcomer gegenüber seinen ehemaligen Kick- und Run-Kollegen der ersten FCB-Mannschaft übte. Mit seinem Kuschelkonzept der Einzelgespräche und medialen Streicheleinheiten, des Übernachtenlassens bei Frau und Freundin vor wichtigen Spielen und seiner Unterwerfung unter deren Vielsprachigkeit erreichte er die Millionarios im rot-blauen Leibchen offenbar nicht mehr.

Derweil schaffte sein Nachfolger Marcel Koller den Turnaround mit der Rücksichtslosigkeit des Silberrückens, der es sich kraft seiner Erfahrung und Verdienste erlauben kann, seine Kicker als Knechte zu behandeln, im Training ausschliesslich deutsch zu sprechen, sie auch vor Heimspielen zur Hotelkasernierung zu verknurren und jedem, der auch nur eine Minute zu spät zum Mannschaftsbus kommt, eiskalt vor der Nase abzufahren.

Derweil sich solcherlei Arroganz («superbia») im konkreten Fussballfall als probates Mittel zur Rückkehr auf die internationale Erfolgsstrasse oder zumindest in die Europa League erweisen könnte, führte das selbe Konzept den langjährigen Boss der Basler Weltmesse für Uhren und Schmuck Schritt für Schritt in den wirtschaftlichen Abgrund. Schon länger hatten Messeexperten bei René Kamm die in der Bibel als «übertriebene Selbstwahrnehmung ohne Rücksicht auf andere» umschriebene 5. Todsünde («Hochmut») diagnostiziert. Andere äusserten allerdings auch ein gewisses Verständnis angesichts der Verhältnisse in den platinenen Jahren der Baselworld, in denen sich die Aussteller auf einer endlosen Warteliste drängeln mussten und für einen Quadratmeter Standplatz im Mekka von Uhren und Schmuck dem Messeleiter nicht nur ihre Grossmutter angeboten hätten.

Sowohl im St. Jakobs- wie auch im Messeturm wurde der Übungsleiter nach dessen unvermittelter Beurlaubung «im gegenseitigen Einvernehmen» übrigens durch ein Mitglied des Verwaltungsrats ersetzt. Beim Fussballclub sah sich der ehemalige Profispieler Alex Frei zum Job an der Seitenlinie verdonnert und übte sich daselbst in der Tugend der Bescheidenheit, indem er sich unentwegt und wortreich als den Lückenbüsser deklarierte, der er schliesslich auch war. Beim Messeveranstalter hingegen musste kein Geringerer als Verwaltungsratspräsident Ueli Vischer himself in den vergifteten Swatch-Apfel beissen. Er punktete bei der Bereinigung des Flurschadens im Ausstellerfeld erfolgreich damit, dass er die strategischen und praktischen Fehlleistungen seines Gremiums coram publico Telebasileae mit der 1. christlichen Tugend («Demut») freimütig eingestand.

Ganz im Gegensatz zum CEO der Basler Verkehrsbetriebe, dem ebenfalls im vergangenen Monat ein weiterer innerbetrieblicher Skandal um die Ohren flog. «Selber entsetzt» nahm er Zuflucht zur 7. Todsünde der Ignoranz («Acedia»), als er der verblüfften Öffentlichkeit beichtete, dass neu eingekaufte Trams mit schlecht eingestellten Rädern selbst frisch verlegte Schienen in Rekordzeit vernichtet hätten. Und dass seine Leute, um von dieser unangenehmen Feststellung nicht in ihrer Dienstroutine aufgeschreckt zu werden, einfach die Kontrollintervalle vergrössert hätten. Was Erich Lagler nach eigenen Aussagen genau so wenig gewusst haben will wie René Kamm Kenntnis davon hatte, dass Uhren-Boss Hayek unzufrieden war. Und Raphael Wicky, dass ein Schütteler ausser Form nicht auf den Platz gehört, auch wenn er ein noch so guter Freund aus alten Tagen ist. Für alle gilt selbstverständlich die Unschuldsvermutung.

Trotzdem ist tout Bâle nun aber gespannt, wann der BVB-CEO «im gegenseitigen Einvernehmen» seinen Job an seine Verwaltungsratspräsidentin Yvonne Hunkeler von den Luzerner Verkehrsbetrieben abtreten muss. Nach dem Import des neuen Theaterdirektors wäre das dann diesen Sommer schon der zweite Transfer von der Reuss an den Rhein.

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