Herzstück
Alter, du siehst aber alt aus

Unser Kolumnist über den Wahn mit einer App, die einen ganz schön alt aussehen lässt. Und deren Bilder derzeit durch die Geisterbahn von Social Media ziehen.

Martin Dürr
Martin Dürr
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Selfies sind lustig – können aber je nach App lange nachwirken.

Selfies sind lustig – können aber je nach App lange nachwirken.

KEYSTONE/AP PA/NIALL CARSON

Wenn Sie in den letzten Monaten in einer Tropfsteinhöhle gelebt haben, dann wissen Sie natürlich nicht, worum es geht bei FaceApp. Das ist eine App. Halt, wenn Sie nicht wissen, was eine «App» ist, dann wird es jetzt schwierig. Stellen Sie sich vor, es ist 1858 und Sie haben grade die erste Trommelwaschmaschine des amerikanischen Erfinders Hamilton Smirt gekauft. Die war noch handbetrieben und hatte nur ein einziges Waschprogramm, für Kochwäsche.

Jetzt kommt jemand und bietet Ihnen einige zusätzliche mechanische Teile, mit denen auch Vorwäsche und Schnelldurchgang und Schwingen möglich sind. Und mit einer neuen mit Strom betriebenen (ab 1901) können Sie dann gemütlich zugucken, wie die Wäsche von alleine sauber wird. Von da ist es nur ein kleiner Schritt zum ersten Fernseher, wobei hier der Wechsel vom runden Bullauge zum ungefähr viereckigen Bildschirm erfolgte, damit niemand die beiden Geräte verwechselt. Na gut, ich merke, dass das jetzt alles nirgends hinführt und Sie immer noch nicht wissen, was eine App ist. Stellen Sie sich also vor, Sie haben eine einzige elektronische Maschine im Haus, mit der Sie alles machen können, vom Staubsaugen über Toasten bis hin zum Haare föhnen. Das funktioniert aber nur, wenn Sie jeweils eine Applikation kaufen, die genau das Gewünschte mit Ihrer Maschine ausführt.

Diese «App» ist vergleichsweise billig, und täglich kommen Tüftler auf neue Ideen, welche Anwendungen uns noch mehr Zeit einsparen können. Da inzwischen gar nicht noch mehr Zeit gespart werden kann, werden immer öfter Dinge erfunden, mit denen wir die Zeit totschlagen können. Und da, jetzt kommts, erfand ein Russe die FaceApp: Sie machen ein Foto von sich mit dem Smartphone und schwuppsdiwupp sehen Sie, wie Sie aussehen werden, wenn Sie 25 Jahre älter sind.

Die Fotos wirken verblüffend echt und sorgen für Heiterkeit. Ausser bei mir. Weil ich schon jetzt aussehe wie 25 Jahre älter. Aber egal, es handelt sich ja um eine schmerzlose Alterung (oder botoxfreie Verjüngung, das ist auch möglich) und nach einigen Tagen Hype wirds den meisten langweilig und sie suchen sich eine neue App.

Harmloses Vergnügen, sagen die Meisten. Nur ein paar Stimmen warnen: Der russische Geheimdienst sammelt unsere Bilder und andere Informationen. Putin schaut sich dann an, wer so unsere Freunde sind und worüber wir mit denen Emojis austauschen. Jaha, sage ich, das will ich nicht. Geht erstens niemanden was an und zweitens DATENSCHUTZ!

Da sind alle gleich derselben Meinung. Allerdings werden Ihre Daten ja nicht nur von den Russen gesammelt. Die NSA und der CIA machen das schon lange. Ihr supergünstiges China-Handy schickt alle Ihre Daten schon immer nach Peking. Ganz abgesehen davon, dass Ihre 17 Kundenkarten aus diversen Geschäften nicht nur für Sie Punkte sammeln, sondern vor allem über Sie.

Während Sie jetzt darüber nachdenken, ziehe ich mich zurück in meine Tropfsteinhöhle. Das Wasser soll ja auch gut sein für die Haut. Und dann sehe ich noch lange nicht aus wie auf der FaceApp.