Analyse
Wählt die Frau in den Bundesrat!

Jonas Schmid
Jonas Schmid
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Isabelle Moret

Isabelle Moret

Keystone

Seit dem Fall der letzten und bisher einzigen FDP-Bundesrätin Elisabeth Kopp wissen wir: Eine Frau wird in der Politik härter angefasst als ihre männlichen Kontrahenten. Heute, knapp dreissig Jahre später, ist das nicht anders, wenn es um die Nachfolge von Didier Burkhalter geht. Die problematische Verstrickung, dass Ignazio Cassis als Präsident des Krankenkassenverbands Curafutura zugleich auch die Gesundheitskommission präsidiert, ist den Medien nur noch wenige Zeilen wert. Pierre Maudets Rolle rund um das Genfer Skandal-Gefängnis Champ-Dollon? Fehlanzeige. Einem «Macher», der die Medien umschmeichelt, wird offenbar alles verziehen.

Thematisiert wird hingegen das Scheidungsverfahren, in dem Isabelle Moret – wie Tausende andere Mütter und Väter in diesem Land auch – steckt. Der unverhohlene Vorwurf: Sollte sie sich nicht um ihre Kinder kümmern, statt für den Bundesrat zu kandidieren? Selbstverständlich musste sich ein Mann wie Alain Berset mit seinen drei schulpflichtigen Kindern einen solchen Vorwurf noch nie gefallen lassen. Dabei gälte es den Spiess umzudrehen und Morets Situation als eine ihrer Stärken auszulegen: Eine Frau, die privat in vertrackten Verhältnissen steckt und doch die Kraft findet, tadellose Arbeit im Nationalrat zu verrichten, der ist das höchste politische Amt zuzutrauen.

Kein Pardon kennen die Journalisten auch, wenn es um Morets Kampagne geht. Sie habe gepatzt und sei unprofessionell organisiert, lautet ihr Verdikt. In Morets Leistungsausweis – etwa, dass sie als Kommissionsmitglied die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative mitprägte – wurde kaum Druckerschwärze investiert. Offensichtlich fühlen sich einige Berichterstatter in ihrem Ego verletzt, werden sie von einer Bundesrats-Kandidatin nicht Tag und Nacht hofiert. Nur weil ein Emporkömmling wie Pierre Maudet mit einem Beraterstab durchs Land tourt, macht ihn das noch nicht zum geeigneten Bundesrat.

Das Hauptargument, das wiederum Cassis zum turmhohen Favoriten macht, ist regionaler Natur. Seit fast 20 Jahren ist das Tessin nicht mehr in der Regierung vertreten. Gleichwohl hat die FDP aber noch länger keinen weiblichen Bundesrat mehr gehabt. Der Frauenanspruch geniesst daher eine grössere Dringlichkeit als jener des Tessins – im Schnitt war die Südschweiz seit 1848 im obersten Schweizer Gremium übervertreten. Auch sind die Aussichten düster: Bald tritt Doris Leuthard zurück. Wird keine neue Bundesrätin gewählt, verbliebe mit Simonetta Sommaruga gerade noch eine Frau im siebenköpfigen Gremium. Dies, obschon das weibliche Geschlecht mehr als die Hälfte der Bevölkerung ausmacht.

Gerade deshalb ist es Moret hoch anzurechnen, dass sie auf ihre Kompetenzen setzt, statt die Frauen-Karte auszuspielen. Eines ihrer Steckenpferde ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie: Aus eigener Erfahrung weiss sie, wie schwierig es ist, beides unter einen Hut zu bringen. Hier steckt die Schweiz nämlich noch in den Kinderschuhen.

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