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Verrückte Realität

Jörg Meier
Jörg Meier
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Der Stadtturm Baden steht 93 Zentimeter neben der bisher angenommenen Position. (Archivbild

Der Stadtturm Baden steht 93 Zentimeter neben der bisher angenommenen Position. (Archivbild

Es ist schon erstaunlich, dass die Meldung die Menschen kaum bewegt, geschweige denn erschüttert hätte. Vielleicht waren wir ja alle zu sehr mit den Wahlen in den USA beschäftigt und hatten gar keine Kapazitäten mehr für einheimische Erschütterungen.

Tatsache ist, dass wir diese Woche auch noch dies erfahren mussten: Nichts steht genau dort, wo wir geglaubt haben, dass es stehe. Der Obertorturm in Aarau zum Beispiel, der steht effektiv 74 Zentimeter neben der bisher als sicher geltenden Position. Das sieht man zwar nicht, aber es ist trotzdem so.

Das würde sicherlich Schriftsteller Hermann Burger, den Meister des skurrilen Realismus, freuen. Denn der im Nachlass von Burger gefundene und vor wenigen Tagen veröffentlichte Roman «Lokalbericht» handelt unter anderem vom Aarauer Obertorturm.

Oder man nehme den Stadtturm in Baden: Der steht sogar 93 Zentimeter neben der bisher angenommenen Position. Und was für die beiden Türme gilt, gilt für jedes Gebäude, jede Strasse, jeden Baum: Sie sind zwar da, aber nicht präzis dort, wo man sie bisher vermutet hat.

Aufgedeckt wurde die verschobene Realität durch das neue Koordinatensystem, das seit dem 1. Januar 2016 in der Schweiz zur Anwendung kommt. Es bildet die Realität nun etwas genauer ab.

Das satellitengestützte Messverfahren hat also eindeutig festgestellt, was wir ja manchmal insgeheim schon vermutet haben: Wir wissen nicht genau, was real ist und was wir bloss für real halten und was das für einen Unterschied macht. Das müsste uns doch verunsichern und erschüttern.

Andrerseits liegt in der verrückten Realität auch eine Chance: Vielleicht ist auch Donald Trump nicht wirklich Präsident der USA geworden. Wir meinen es bloss.

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