Analyse
Notvorrats-Empfehlung der deutschen Regierung – immer noch ein guter Rat

Die Zeiten, in denen Notvorräte nötig waren, schienen vorbei. Doch nun empfiehlt die deutsche Regierung, einen solchen anzulegen. Eine Analyse von Dagmar Heuberger.

Dagmar Heuberger
Dagmar Heuberger
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Die deutsche Regierung empfiehlt einen Notvorrat anzulegen.

Die deutsche Regierung empfiehlt einen Notvorrat anzulegen.

Walter Schwager

Kartoffeln, Reis, Mehl, Zucker, Öl – wer sich noch an die Zeiten des Kalten Krieges erinnert, weiss: Diese Lebensmittel gehörten in jedem Schweizer Haushalt in den Notvorrat. Natürlich machte man sich schon damals darüber lustig. «Am wichtigsten ist ein gut sortierter Weinkeller», unkten wir. Dann kam der Fall der Berliner Mauer, das Ende des Ostblocks, der Zusammenbruch der Sowjetunion. Die Kriegsgefahr schien für immer vorbei, der private Notvorrat war vergessen, vergammelte buchstäblich in den Küchenschränken und Kellern.

Das dauerte knapp zwei Jahrzehnte. Dann war die Friedensdividende aufgebraucht und selbst blauäugige Politiker mussten einsehen, dass eine konfliktfreie Welt ins Reich der Träume gehört. Der Bürgerkrieg in Syrien, die Krim-Krise, der Krieg in der Ostukraine, islamistische Terroranschläge in Europa, Cyber-Attacken: Die Krisen und Bedrohungen sind seit 1989 nicht weniger geworden, sie haben sich nur verändert. Zudem ist unsere vernetzte, digitalisierte Gesellschaft in den vergangenen Jahren immer verletzlicher geworden.

Was passiert zum Beispiel bei einem längeren Stromausfall, wenn Radio und Telefon nur noch über das Internet laufen? Oder wenn man ausser der Taschenlampen-App keine andere Lichtquelle zur Verfügung hat und der Akku vom Smartphone gerade leer ist? Ist es völlig falsch, sich für solche Situationen zu wappnen? Ist es Panikmache, wenn der Staat Notfallplanungen vorbereitet und der Bevölkerung rät, sich einen Notvorrat anzuschaffen?

Verknüpfung von Notfallkonzept und Terrorgefahr ist Unsinn

Als Armeechef André Blattmann vor gut zwei Jahren in einem Interview mit der «Schweiz am Sonntag» erklärte, er habe stets einen Vorrat von 300 Litern Mineralwasser zu Hause, erntete er Unverständnis und Gelächter. Jetzt revidiert die deutsche Regierung ihr Zivilschutzkonzept und rät der Bevölkerung ebenfalls, sich einen «individuellen Vorrat an Lebensmitteln für zehn Tage» zuzulegen. Und was passiert? In den Medien ist fast ausschliesslich von einer Aufforderung zu «Hamsterkäufen» die Rede, die sozialen Netzwerke werden mit Spott und Häme geflutet und die linke Opposition wirft der Regierung vor, sie mache der vom islamistischen Terror ohnehin verunsicherten Bevölkerung noch mehr Angst.

Diese Verknüpfung des Zivilschutzkonzepts mit dem Terrorismus ist Unsinn. Einerseits, weil mit der Überarbeitung der Notfallplanung schon Jahre vor der jetzt aktuellen Terrorgefahr begonnen wurde. Und andererseits, weil es dabei nicht nur um terroristische Bedrohungsszenarien geht. Sondern auch um Cyber-Angriffe, um hybride Kriegsführung oder um flächendeckende und lange andauernde Ausfälle der Wasser- und Stromversorgung etwa infolge von Naturkatastrophen.

Das Erdbeben in Mittelitalien illustriert das gerade eindrücklich. Es ist Aufgabe der Politik, für solche Fälle eine Katastrophenplanung zu erstellen. Doch im Moment werde eben alles «durch die Terrorismusbrille gesehen», sagt der Münchner Kommunikationswissenschafter Hans-Bernd Brosius.

Die Deutschen sind ohnehin ein Volk von Hamstern

Erstaunlich ist zudem, dass sich ausgerechnet die Deutschen über «staatlich verordnete Hamsterkäufe» empören. Denn unsere nördlichen Nachbarn sind ohnehin ein Volk von Hamstern. Zu besichtigen ist das jeweils an Samstagen oder vor Feiertagen in den grossen Supermärkten des Landes.

Es sind keineswegs nur Schweizer Einkaufstouristen, die dort auf der Suche nach einem Parkplatz ihre Runden drehen und später mit überfüllten Einkaufswagen vor den Kassen Schlange stehen. Wenn unsere Konsumgesellschaft schon wegen ein paar Feiertagen glaubt, verhungern zu müssen, was passiert erst, wenn die Einkaufszentren tatsächlich einmal mehrere Tage geschlossen bleiben sollten?

So lange Lebensmittel und andere Konsumgüter rund um die Uhr erhältlich sind, mag der aus dem Kalten Krieg stammende Slogan «kluger Rat – Notvorrat» altbacken klingen. Dennoch hat es nichts mit Alarmismus und Panikmache zu tun, wenn die Bevölkerung sich auf Notzeiten vorbereitet. Mit dem Notvorrat ist es wie mit Versicherungen oder der Feuerwehr: Man ist froh, wenn man sie nicht braucht. Aber wenn man sie braucht, ist man froh, dass man sie hat.

dagmar.heuberger@azmedien.ch

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