Gülsha Adilji
Nein, ich will nicht über meinen Veganismus sprechen

In ihrer Kolumne schreibt Social-Media-Star, Moderatorin und D-Promi Gülsha Adilji zum Umgang mit Veganismus und den Gesprächen, die er unweigerlich provoziert.

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«Nur keine Panik, ich werde Sie hier nicht ins Gebet nehmen», schreibt Moderatorin Gülsha.

«Nur keine Panik, ich werde Sie hier nicht ins Gebet nehmen», schreibt Moderatorin Gülsha.

Keystone/az

Veganismus ist eine selbstauferlegte Ernährungs-Behinderung ohne wirkliche Vorteile, dafür anstrengend für den Pflanzenfresser und nervig für den Fleischtiger. Egal, was Ihnen andere Veganer erzählen: Könnte man sich entscheiden, wieder zurück in die Matrix-Flüssigkeit zu liegen, und so alles zu vergessen, was man über Fleisch-, Milch- und Eierproduktion weiss, und wieder ohne Schuldgefühle Rahmglace schlemmen und Cervelat mit Senf essen, ich würde es absolut tun. Aber leider habe ich die rote Pille geschluckt und tummle mich im Kaninchenbau der Tierhaltung herum – ich kann nicht mehr zurück.

«Wotsch chli probiere, ahh, sorry, ...»

Nur keine Panik, ich werde Sie hier nicht ins Gebet nehmen. Ich habe absolut aufgegeben, andere um Hilfe zu bitten, um gemeinsam Mutter Natur bei Laune zu halten. Essen Sie Cordon bleu, wenn Sie es für nötig erachten. Dann machen wir halt die Umwelt kaputt. Ich schreibe meine Texte ja auch auf einem Mac, und ich weiss, wo die den Kupfer herhaben. Wir sind alle gleich schlecht, vielleicht bin ich etwas besser, weil ich ja kein Fleisch esse. Ich weiss zumindest, dass Sie glauben, dass ich das glaube. Ich fühle mich ehrlich gesagt genau aus diesem Grund häufig unwohl in Ihrer Gegenwart. Da Sie nämlich latent das Gefühl haben, ich fühlte mich moralisch überlegen, versucht man mich sofort zu diskreditieren.

Sie merken es vielleicht nicht, aber Sie werden zu einem Arrrr%ç%*&/&(«*+, exgüsi, ich meine, Sie werden plötzlich sehr unhöflich, sobald es um dieses Thema geht. Wenn wir zum Beispiel gemeinsam dinieren – ich über meinen Vorspeisen-Salat in Hauptspeisen-Grösse gebeugt und Sie ihr Tartar auf dem Toast drapierend – und Sie fragen: «Wotsch chli probiere, ahh, sorry, Du chasch da ja nöd esse, Du verpassisch echt öppis. Wieso bisch denn du eigentlich Veganerin?» Ihr Unterton soll vermitteln, dass ich mich wie ein Kleinkind in einer Diddel-Maus-Phase aufführe und deshalb vehement nicht in den Hello Kitty-Trainer schlüpfen will. Um meine Einstellung zur Nahrung noch weiter zu untergraben, feuern Sie dann auch noch den «Das isch ja grad sehr im Trend»-Spruch hinterher. Hoppla, jetzt wurde ich aber entlarvt.

Sie haben mich erwischt: Ich verzichte auf Ben&Jerry’s-Ice Cream, Cremeschnitten und Pancakes, weil ich es in einem Frauenmagazin gelesen habe. Ich nicke und lächle und schnaube leise vor mich hin, während ich auf meinem Salatblatt kaue. So extrem wie Sie meine Ernährungsweise finden, so dumm empfinde ich Ihre Aussagen.

Und spätestens bei «Jahh, so Soja-Produkt esse macht ja überhaupt kei Sinn, bla bla, Monokultur, bla bla, dä Soja flügt einisch umd Welt, bla bla» würde ich gerne erklären, dass der Grossteil der Sojaproduktion an ihr Tartar verfüttert wird.

Aber wieder: Ich nicke und lächle. Denn nur eine Klugscheisser-Veganerin ist noch nerviger als eine normale Veganerin. Ausserdem wirkt absolut alles, was zu diesem Thema aus meinem Mund kommt, missionarisch, und das hassen Sie doch so sehr. Auch wenn es nur Informationen sind, bzw. Antworten auf Ihre Fragen.

Sie: «Aber Gülsha, warum trinksch denn kei Milch, Kühe gebed ja sowieso Milch?»
Ich: «Ich trinke kei Milch, will d Milch für d Kälber denkt isch und nöd für d Mensche, und es macht ja kei Sinn, e Kueh künstlich befruchte, damit sie kalbet. Küeh gebet nur Milch, wenn sie es Kalb uf d Welt brocht händ, hähäh. Und denn nimmt me ihne das Kalb weg und mir bechömed d Milch anstatt s Kalb. Am Kalb gibt me denn irgend es Milchersatz-Produkt, vermuetlich Karma-Riismilch.»

Echt jetzt? – Fragen Sie Google

Sogar ich möchte mir jetzt ins Gesicht schlagen. Was ich eigentlich mit alldem sagen will: Es wäre wirklich unglaublich toll, wenn Sie mit mir nicht, ich wiederhole, NICHT über meinen Veganismus sprechen würden. Sofern Sie Fragen haben, kann Ihnen bestimmt Google komplett alles beantworten. Ich bin froh, dass wir das ein für alle Mal geklärt hätten. Ich und mein Food-Handycap gehen jetzt Hummus essen.