Kolumne
Männer-Gleichberechtigung: Bitte keine Illusionen hegen

Kolumne über die Männer-Gleichberechtigung, zum Beispiel beim Vaterschaftsurlaub.

Esther Girsberger
Esther Girsberger
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In der Schweizer Bevölkerung wäre die Zustimmung für einen gesetzlich verankerten, bezahlten Vaterschaftsurlaub gross. Nun müsste die Politik nachziehen. (Symbolbild)

In der Schweizer Bevölkerung wäre die Zustimmung für einen gesetzlich verankerten, bezahlten Vaterschaftsurlaub gross. Nun müsste die Politik nachziehen. (Symbolbild)

/AP/MICHAEL SOHN

Mit zunehmender Gleichberechtigung der Frauen werden auch die Gleichberechtigungs-Anliegen der Männer drängender. Zum Beispiel der Vaterschaftsurlaub. Während die Mütter einen gesetzlich vorgesehenen viermonatigen Mutterschaftsurlaub beanspruchen, gehen
die Väter bekanntlich – je nach Arbeitgeber – praktisch leer aus.

Der Vaterschaftsurlaub ist ein Dauerbrenner. Nicht weniger als dreissig Vorstösse wurden in den letzten Jahren zu dieser «Diskriminierung» eingereicht. Bewirkt hat es nichts. Alle Bemühungen wurden abgelehnt – zuletzt in der Sommersession. Ein Postulat forderte den Bundesrat auf, «eine Kosten-Nutzen-Analyse vorzulegen, welche die langfristigen volkswirtschaftlichen Auswirkungen der wichtigsten zurzeit in Diskussion stehenden Modelle für einen Elternurlaub (resp. einen Vaterschaftsurlaub) abschätzt». Innenminister Alain Berset bat das Parlament, auch den neusten Vorstoss abzulehnen. Mit Erfolg. Der Rat folgte dem Bundesrat mit doppelt so vielen Nein- wie Ja-Stimmen.

Vielleicht liegt das Problem in der Semantik. Verdrängte man den Begriff «Vaterschaftsurlaub», würde ihn nicht auf den männlichen Elternteil reduzieren, sondern konsequent von Elternurlaub sprechen, sähe die Sachlage anders aus. Der Vaterschaftsurlaub wird nämlich mit der höchst zweifelhaften Begründung gefordert, dadurch sei «eine persönliche Beziehung zwischen Vater und Kind herzustellen».

Mit Verlaub, das ist Schwachsinn. Noch fragwürdiger ist die Aussage einiger an sich nicht dummer Parlamentarier, das Baby müsste während des Vaterschaftsurlaubs die Gelegenheit haben, seinen Vater kennen zu lernen.

Der Vater lernt das Baby und umgekehrt kennen – und wie! – wenn er das schreiende Neugeborene des Nachts während Stunden hin und her wiegt. Die Beziehung wiederum stellt sich nicht in einem ein-, zwei- oder mehrwöchigen Urlaub ein, sondern wächst über Monate und Jahre. Oder will man allen Ernstes behaupten, man erhöhe das Risiko, dass Kinder im Erwachsenenleben zu Sozialfällen werden, wenn die Väter nach der Geburt nicht wochenlang beim Neugeborenen bleiben können?

Die Beziehung zwischen Vater und Kind wird auch nicht gestört, wenn der Vater bei der Krippen-Eingewöhnungszeit nicht dabei ist. Der Beziehung zuträglich wäre es nur schon, wenn er das Kind am Abend von der Krippe abholte. Nur gibt es immer noch zu viele Arbeitgeber (und Peers!), die den Kopf schütteln, wenn der Vater mit Hinweis auf die Öffnungszeiten der Krippe um 17.55 Uhr den Arbeitsplatz verlässt.

Genau darin liegt das Problem: Es braucht keinen Vaterschaftsurlaub, sondern ein Umdenken rund um die Erwerbstätigkeit beider Elternteile zumindest in den ersten zwölf Monaten nach Geburt der Kinder. Diese Möglichkeit brauchen Väter und Mütter. Eltern müssen eigenverantwortlich und unter Berücksichtigung ihrer finanziellen, beruflichen und privaten Möglichkeiten festlegen können, wer im ersten Jahr wann zu Hause bleibt. Väter und Mütter sollen die Aufteilung zwischen Erwerbs- und Betreuungsarbeit selber gestalten. Der Arbeitgeber muss die unternehmerische Verantwortung wahrnehmen, damit die Eltern die eigenverantwortlichen Entscheide auch umsetzen können.

Noch sind wir meilenweit entfernt von einem ausgeglichenen Rollenverständnis im Berufsleben. Noch immer ist die Teilzeitarbeit von Männern im Vergleich zur Teilzeitarbeit von Frauen eine Seltenheit. Noch immer diktieren viel zu oft Karrierechancen und Kaderperspektiven das Arbeitspensum von Müttern und Vätern. Wer glaubt, das würde sich mit einem Vaterschaftsurlaub ändern, gibt sich einer Illusion hin.

Diese Einsicht erleichtert auch die Finanzierungsfrage: Ein Arbeitgeber wird sich gute Arbeitskräfte – weiblich und männlich – eher halten können, wenn er ihnen während des Elternurlaubs entgegenkommt. Um sich vielleicht sogar davon zu überzeugen, dass sich eine flexible Aufteilung auch weit über den Elternurlaub hinaus unternehmerisch ausbezahlt.

Dafür braucht es keine Kosten-Nutzen-Analyse, welche die langfristigen volkswirtschaftlichen Auswirkungen der wichtigsten zurzeit in Diskussion stehenden Modelle für einen Elternurlaub untersucht. Dafür braucht es unternehmerische Einsicht und ein klein wenig fortschrittliches Denken.

Die Autorin aus Zürich ist Publizistin, Moderatorin, Dozentin und Verfasserin mehrerer Bücher. Als Journalistin war sie unter anderem Chefredaktorin des «Tages-Anzeigers». Die ausgebildete Juristin (Dr. iur.) ist verheiratet und Mutter zweier Kinder.
Sie ist Mitglied des Publizistischen Ausschusses der AZ Medien.