Wochenkommentar
Digitale Utopien in Zeiten von «Fake News»

In seinem Wochenkommentar schreibt Andreas Schaffner, stellvertretender Chefredaktor der «Nordwestschweiz» über die Verbreitung von Unwahrheiten, die sogenannten «Fake News».

Andreas Schaffner
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Andreas Schaffner: «Der politische Charakter des Internets hat sich in den 30 Jahren seines Bestehens massiv verändert. Was einst für das Militär entwickelt wurde, haben Anfang der Neunzigerjahre New-Age-Gurus und Computer-Freaks für ihre Zwecke entdeckt.» (Symbolbild)

Andreas Schaffner: «Der politische Charakter des Internets hat sich in den 30 Jahren seines Bestehens massiv verändert. Was einst für das Militär entwickelt wurde, haben Anfang der Neunzigerjahre New-Age-Gurus und Computer-Freaks für ihre Zwecke entdeckt.» (Symbolbild)

Keystone

Diese Woche machte der Bundesrat klar, dass es seiner Meinung nach keine neuen Regeln für Facebook, Twitter oder Youtube brauche. In seinem Bericht machte er jedoch auch klar, dass es für politische Akteure heute einfacher ist als in der Vergangenheit, Unwahrheiten zu behaupten, sogenannte «Fake News». Dies sei im vergangenen US-Wahlkampf mehr als deutlich geworden.

Die erfolgreichsten 20 «Fake News» wurden mehr geteilt und kommentiert als die erfolgreichsten 20 Artikel der grössten US-Nachrichtenquellen. Im politischen Umfeld können zudem «Social Bots» Bürgerinnen und Bürger glauben machen, dass eine politische Ansicht von vielen Nutzern geteilt werde oder ein Kandidat viele Gefolgsleute habe. Solche «Social Bots» geben vor, echte Nutzer zu sein, dabei ahmen sie menschliches Verhalten nur nach.

Damit ist auch für die grössten Zweifler klar: Der politische Charakter des Internets hat sich in den 30 Jahren seines Bestehens massiv verändert. Was einst für das Militär entwickelt wurde, haben Anfang der Neunzigerjahre New-Age-Gurus und Computer-Freaks für ihre Zwecke entdeckt. Sie versprachen nicht nur mehr Informationsfreiheit, sondern mehr Basisdemokratie.

Der Geist von 1989 atmete hier noch lange weiter. Doch heute, da die Technologie allgegenwärtig ist, ist davon nur noch wenig zu spüren. Daten sind zum kostbarsten Rohstoff geworden, mit dem sich sehr viel Geld verdienen lässt. Entsprechend werden die Daten auch manipulierbar. In einer Ökonomie der Aufmerksamkeit zählen nur die Klicks, egal ob die Inhalte stimmen oder nicht.

Immer deutlicher wird, wie stark wir in dieser Frage Technologie-Giganten wie Facebook oder Google, aber auch Computerherstellern, wie Apple, ausgeliefert sind. Der politischen Kontrolle sind diese grossen Konzerne kaum unterworfen. Immerhin hat Facebook diese Woche angekündigt, dass man gegen Fake-News vorgehen werde. Alex Hardiman, eine ehemalige Managerin der «New York Times», wurde auf den neu geschaffenen Job des News-Produktmanagers befördert.

Algorithmen sorgen für Ordnung

Auch wenn der Ruf nach neuen Gesetzen aus liberaler Sicht der falsche Weg ist. Ein Unbehagen bleibt. Die Folgen einer manipulierten Wirklichkeit sind klar: Wer in einer Filterblase gefangen ist, der kann sich mit Argumenten der politischen Gegner nicht auseinandersetzen, denn er bekommt sie gar nie mit. Algorithmen sorgen dafür, dass die Bürger in der Informationsflut auch an politischen Informationen nur mitbekommen, was sie angeblich lesen wollen.

Die Vordenker im Gravitationszentrum des technologischen Fortschritts, dem Silicon Valley bei San Francisco, sind längst einen Schritt weiter. Sie programmieren nicht nur Computerspiele, erfinden soziale Netzwerke oder testen führerlose Autos. Sie denken auch generell über die Zukunft von politischen Prozessen nach.

Politische Folgen von Big Data

Eine der Vordenkerinnen auf diesem Gebiet ist Beth Noveck. In ihrem GovLab in New York, das unter anderem von Google finanziert wird, forscht sie, wie mittels Technologie und Big Data die staatlichen Institutionen optimiert werden können. Sie schaut sich etwa an, wie öffentliche Gelder künftig mittels Zugriff auf Daten effektiver verteilt werden können. Oder sie schreibt auf 36 Seiten Empfehlungen an den US-Präsidenten Donald Trump, wie die Regierung effektiver und schneller zu ihren Zielen kommen könnte.

Das macht auf den ersten Blick viel Sinn. Wieso sollen die Technologien nicht genutzt werden? Wieso sollen nicht Behörden untereinander verlinkt werden, wenn es die Verwaltung effektiver macht? Die Kritik bei alldem ist jedoch die: Ob demokratisch legitimierte Verfahren, die Wert auf Fairness, Gerechtigkeit und Transparenz legen, in solchen von Algorithmen bestimmten Prozessen noch Zukunft haben, darf zumindest angezweifelt werden. Denn in einer optimierten Welt sind die lästigen und zeitraubenden politischen Diskussionen weitgehend ausgeschaltet. Sie sind ja nur Widerstände, die es zu beseitigen gibt.

1989 hat Tim Berners-Lee am Cern in Genf das Internet, so wie wir es heute kennen, erfunden. Er hat den Grundstein gelegt für eine Revolution in der Informationsvermittlung, die mit der Erfindung des Buchdrucks zu vergleichen ist. Wir kommunizieren heute anders, haben Zugriff auf Dienstleistungen und Daten, die uns vor Jahren nie zugänglich waren. Und die Welt ist zu einem globalen Dorf zusammengerückt.

Doch wie schon beim Buchdruck im Jahr 1450 scheint auch heute klar, dass politische Umwälzungen folgen werden. Die Debatte um die Fake News und «Social Bots» ist hier nur der Anfang. Ob dies alles zu einer offenen Gesellschaft führt mit mehr demokratischer Mitbestimmung und fairen Prozessen oder in eine von Algorithmen gelenkte, bleibt abzuwarten.

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