Gastkommentar
Replik: Ufzgis haben nicht ausgedient

Am 11. September 2021 erschien der Kommentar von Roman Schenkel: «Ufzgis haben ausgedient». Er plädierte für die Abschaffung der Hausaufgaben. Besonders in Corona-Zeiten belasteten sie die Eltern-Kind-Beziehung; mehr, als sie nützten. Der Pädagoge Carl Bossard schreibt darauf eine Entgegnung.

Carl Bossard
Carl Bossard
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Der Sinn der Hausaufgaben wird in Frage gestellt. (Symbolbild)

Der Sinn der Hausaufgaben wird in Frage gestellt. (Symbolbild)

Gaetan Bally / KEYSTONE

«Ufzgis haben ausgedient!» So kommentiert die CH Media den aktuellen Disput um die obligatorischen Hausaufgaben. Sie stehen seit Längerem unter Druck. Remo Largo, der kürzlich verstorbene Kinderarzt, meinte lakonisch: «Hausaufgaben bringen gar nichts. Schüler und Eltern werden damit nur schikaniert.» Fehlender Lerneffekt und schulische Schikane sind die beiden Hauptvorwürfe. Sie würden überdies die soziale Ungleichheit in Bildungsprozessen verstärken und das Leistungsgefälle vergrössern, lautet ein dritter Einwand.

Mehr Chancengleichheit durch Hausaufgaben

Alle Kinder sollten die gleichen Chancen haben. Mit diesem Argument entsteht eine Wenn-Dann-Beziehung: Wenn wir die Hausaufgaben abschaffen, dann erhöhen wir die Chancengleichheit. Doch ist es wirklich so einfach?

Die Bildungswissenschaft kennt das «Gesetz der ungewollten Nebenwirkungen». Formuliert hat es der Philosoph und Pädagoge Eduard Spranger. Kaum jemand beachtet es – so wenig wie die Beipackzettel von Medikamenten. Verschiedene Schulgemeinden streichen darum die offiziellen Hausaufgaben. Ihre Begründung: Wir wollen Bildungsgerechtigkeit! Und die Nebenwirkung? Wer die Hausaufgaben abschafft, schafft sie trotzdem nicht ab, selbst wenn der reguläre Unterricht sie mit «Lernzeiten» und Schulaufgaben kompensiert.

Bildungsbewusste Eltern werden ihre Kinder weiterhin anregen, mit ihnen vielleicht sogar wiederholen und automatisieren. Sie wissen um den unverzichtbaren Wert des Repetierens und Nachbereitens, des Vorbereitens und (Nach-)Denkens. Kinder aus anderen Familien haben diese Chance vielleicht nicht. Die nicht beabsichtigte Folge: Die Schere im Bildungsmilieu öffnet sich weiter.

Niemand will das. Darum müsste Sprangers «Gesetz der ungewollten Nebenwirkungen» auch hier ernst genommen werden. Alle Kinder haben das Recht auf dieses zusätzliche Gefäss. Regelmässige und kurze, zum Denken und Handeln anregende (Haus-)Aufgaben sind wichtig. Sie trainieren die Selbständigkeit; Von selbst entsteht sie nicht.

Moderater Wirkwert, aber kein Grund zur Abschaffung

Nichts zu suchen haben Hausaufgaben als Ausgleich für fehlende Übungsphasen oder zum Nachholen, was der Unterricht versäumt hat. Fehl am Platz sind ganze PowerPoint-Präsentationen. Das ist nicht der Sinn von Hausaufgaben, sondern deren Perversion. Ebenso wenig dürfen sie die Eltern in die Rolle von Ersatzlehrern zwängen. Allerdings können sie ihnen ein Fenster zur Schule öffnen und Grundlage für Gespräche mit den Kindern schaffen. Elterliches Interesse wirkt sich vorteilhaft aus. Das weiss man aus der Forschung.

Wissenschaftlich werde die Wirkung der Hausaufgaben seit Jahren in Frage gestellt, heisst es. Erkundigen wir uns darum beim renommierten Bildungsforscher John Hattie. Seine Studie «Visible Learning» untersucht die Lernwirksamkeit von rund 250 Elementen wie die Klassenführung oder das bewusste Üben. Hattie beziffert den durchschnittlichen Wirkwert aller Faktoren auf die Schülerleistung mit der Kennziffer 0.4. Sie markiert den Bereich der «erwünschten Effekte». Das gezielte Feedback beispielsweise erreicht einen Effekt von 0.75, die Glaubwürdigkeit der Lehrperson den hohen Wert von 0.9. Alle Einflussgrössen, in denen sich die personale Ebene des Unterrichts widerspiegelt – das Emotionale, das Beziehungshafte, das Dialogische – erzielen auf die Lernleistung der Schüler eine überdurchschnittliche Wirkung.

Den Hausaufgaben ordnet Hattie den moderaten Wirkwert von 0.33 zu. Bei jüngeren Kindern ist er kleiner. Das allein ist aber kein Grund, sie abzuschaffen, wohl aber, sie präzis und dosiert zu erteilen, sie zu evaluieren und zu besprechen – in Hatties Sprache: sie mit andern Wirkwerten zu verbinden.

«Ufzgis haben ausgedient», bilanziert die CH Media. Doch ein präziser Blick auf das Zusammenspiel vieler Variablen aus der Unterrichtsforschung kommt nicht zum gleichen Schluss. Im Gegenteil! Kurze und regelmässige, kontrollierte und über individuelles Feedback kommentierte Hausaufgaben haben ihren (Wirk-)Wert. «Die Gesamteffekte sind positiv», resümiert Hattie. Auch hier gilt: Entscheidend sind die Lehrerinnen und Lehrer.