Gastkommentar
SRG-Ombudsfrau zum Drama um Eriksen: Sensationslüsternheit, das SRF und der wahre Skandal

Der dänische Fussballer Christian Eriksen bricht auf dem Spielfeld zusammen. Das Fernsehen hält drauf, die Mannschaftskollegen schirmen ihn vor den Kameras ab. Die Ombudsfrau der SRG Deutschschweiz analysiert für CH Media das Drama aus menschlicher und rechtlicher Sicht.

Esther Girsberger
Esther Girsberger
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Von Fussball verstehe ich nicht viel. Aber es ist Ehrensache, dass ich am Fussball-Toto der Bürogemeinschaft mitmache. Und dementsprechend auch vor dem Fernseher sitze und mir viele der Spiele anschaue, wenngleich ich daneben die Wäsche sortiere oder die Zeitung überfliege. Am Genausten schaue oder höre ich hin, wenn es nicht um einen Eckball oder eine Offside-Überprüfung geht, sondern wenn es um «Nebenschauplätze» geht. Etwa, wenn die Nationalhymnen gespielt werden und die Italiener oder Waliser mit Inbrunst mitsingen, während die Spieler der Schweizer Nationalmannschaft kaum die Lippen bewegen.

Am Samstag schaute und hörte ich deshalb bei einem unfassbaren Ereignis hin: Der dänische Spieler Christian Eriksen bricht einfach so auf dem Spielfeld zusammen. Ich bin schockiert. Ich bleibe am Bildschirm hängen, verhalte mich genauso voyeuristisch wie Millionen anderer Fernsehzuschauerinnen und -zuschauer. Ich sehe das Entsetzen der dänischen Mannschaft, der Stadionbesucherinnen und -besucher, der Freundin des Spielers. Ich schaue den Reanimationsversuchen zu, bin entsetzt ob des zuckenden Körpers. Ich nehme als Unbeteiligte teil an der Betroffenheit im Stadion und danach im Studio des Schweizer Fernsehens.

Die Mitspieler von Christian Eriksen schirmen ihren Kapitän vor den Kameras und den neugierigen Blicken ab.

Die Mitspieler von Christian Eriksen schirmen ihren Kapitän vor den Kameras und den neugierigen Blicken ab.

Friedemann Vogel / Pool / EPA

War ich sensationslüstern? Habe ich mich wirklich voyeuristisch verhalten? Müsste ich einstimmen in den Kanon der Empörten, die die gezeigten Bilder als menschenverachtend und pietätslos verurteilten?

Bei Unfällen im Sport bleibt das Fernsehen dabei und man nimm es hin

Schwerste Unfälle bei Sportanlässen bekommt man als Fernseh-Zuschauerin immer wieder mit: beim Skiweltcup, bei Formel-1-Rennen. Wenn ein Skifahrer mit 120 Stundenkilometern in die Bande rast und reglos liegen bleibt, nimmt man das hin. Wenn im Formel-1-Zirkus ein Rennfahrer vor den Augen der Zuschauenden verbrennt, ebenso. Auch dort werden die schockierten Partnerinnen gezeigt. Wenn aber bei einer Fussball-EM ein Schlüsselspieler offenbar eine Herzattacke erleidet, soll dies ausgeblendet werden?

Die Mannschaftskollegen eskortieren Eriksen aus dem Stadion.

Die Mannschaftskollegen eskortieren Eriksen aus dem Stadion.

Wolfgang Rattay / Pool / EPA

Beim Fussball dominieren die Emotionen. Meistens hervorgerufen durch sportliche Leistungen, durch verpasste Torchancen oder verschossene Penaltys. Für einmal waren es ganz andere Emotionen, die sichtbar wurden: Trauer und Verzweiflung, aber auch eindrückliche Solidarität. Es gab keine Nahaufnahmen (was zweifellos möglich gewesen wäre), weder der Zusammenbruch noch sonst eine Szene wurden in Zeitlupe gezeigt. Zweifellos kann man sich fragen, ob die Wiederholungen der schlimmsten Szenen wirklich nötig gewesen wären. Nur: das geschah, nachdem das unterbrochene Spiel fortgesetzt wurde und bekannt war, dass Christian Eriksens gesundheitlicher Zustand stabil ist und er wieder spricht.

Der rechtliche und der menschliche Aspekt

Die Juristen werden sich sicher mit dem Fall befassen: sind solchermassen gezeigte Bilder für die Betroffenen entwürdigend, was Art. 7 der Bundesverfassung widersprechen würde? Verletzen sie den Anspruch auf Achtung des Privat- und Familienlebens gemäss Art. 13 der Bundesverfassung? Als Spieler der dänischen Nationalmannschaft an einer Europameisterschaft ist Eriksen eine öffentliche Person und gehen die Persönlichkeitsrechte deshalb weniger weit. Auch die Freundin, die verständlicherweise aufs Spielfeld eilte, muss sich solche Bilder wohl gefallen lassen.

Diese Bilder gehen unter die Haut. Dänemark-Captain Simon Kjaer tröstet die Lebensgefährtin von Christian Eriksen.

Diese Bilder gehen unter die Haut. Dänemark-Captain Simon Kjaer tröstet die Lebensgefährtin von Christian Eriksen.

Bild: Keystone

Der rechtliche Aspekt ist das eine, der menschliche das andere. Den Fernsehstationen kann man keinen medienethischen Vorwurf machen. Der UEFA hingegen sehr wohl: hätten sie einen solchen Vorfall, so undenkbar er im Vorfeld auch sein mag, vorausgesehen, wären sie besser vorbereitet gewesen: sie hätten sie den zusammengebrochenen Spieler sofort abschirmen können. Dann hätte weder die Herzmassage mit der Reaktion des zuckenden Körpers gefilmt werden müssen noch hätte die dänische Mannschaft einen menschlichen Schutzschild bilden müssen. Das ist der wahre Skandal. Nicht die der Situation angepassten Bilder der Fernsehstationen.

Esther Girsberger ist Publizistin und Ombudsfrau der SRG Deutschschweiz.