Essay
Die Ökonomisierung der Medizin schadet den Patienten – jetzt braucht es einen neuen Eid für Ärzte

In der Medizin geht es heute zu oft um Leistung und Geld, nicht um den Einsatz für eine bessere Welt. Es ist darum richtig, dass sich die Ärzte und Pflegefachpersonen gegen den wirtschaftlichen Druck aus der Politik wehren.

Simon Maurer*
Simon Maurer*
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Spitäler die zu wenig Umsatz machen, werden geschlossen. Dabei ist ihre Aufgabe zu heilen, nicht Geld zu verdienen.

Spitäler die zu wenig Umsatz machen, werden geschlossen. Dabei ist ihre Aufgabe zu heilen, nicht Geld zu verdienen.

Bild: Keystone

Zuerst hielt ich es für einen Witz. Doch der Assistenzarzt bestand auch nach mehrmaliger Nachfrage anderer darauf: Bei der Vorzeigeuntersuchung müssen wir Medizinstudenten dem Patienten als Erstes sagen, wie lange wir Zeit für ihn haben.

Wer den strengen Satz «Ich habe heute für Sie acht Minuten» nicht über die Lippen bringt, kriegt an der Prüfung Punkteabzug. Das sei, erklärte man uns, weil man später in der Klinik pro Patient auch nur 15 Minuten Gesprächszeit abrechnen dürfe – und daher jetzt schon üben müsse, möglichst schnell zu sein.

Das war das erste Mal, dass ich an der Wahl meines Studiums zu zweifeln begann. Ich finde es unethisch, Kranke unabhängig von der Art ihres Leidens im 15-Minuten-Takt abzufertigen, ohne auf die Einzelschicksale und allfällige Fragen eingehen zu können.

Und ich habe mich wie viele meiner Kolleginnen und Kollegen nicht fürs Medizinstudium entschieden, um eine solch unempathische Medizin auszuüben. Bis zu diesem Tag hatte ich auch ein komplett anderes Bild vom Arztberuf.

Die meisten Studenten starten mit dem Willen, etwas in der Welt zu verändern: Kranke heilen, etwas Gutes tun. Doch schnell wird klar: Es geht heute zu oft um Leistung und Geld, nicht um den Einsatz für eine bessere Welt. Das sieht man schon bei der Auswahl der Studierenden: Mit dem Numerus clausus wird ein Test eingesetzt, der ausschliesslich Intelligenz und keine sozialen Fähigkeiten oder Hilfsbereitschaft testet.

Das Ziel des Tests ist es, die Studierenden herauszufiltern, die das Studium möglichst nicht abbrechen und so kleinere Kosten verursachen. Soziale Fähigkeiten dagegen haben akademisch kein Gewicht, obwohl sie in der Medizin entscheidend sind.

Auch in den Spitälern geht es immer häufiger nicht darum, Patienten bestmöglich zu behandeln. Sondern darum, in kurzer Zeit möglichst viele Fälle abzuarbeiten und dabei so kleine Kosten wie möglich zu verursachen. Das ist eine Folge der Ökonomisierung der Medizin.

Spitäler müssen heute profitabel sein, die Politik sieht sie nicht mehr als grundsätzlich nötige staatliche Institutionen, in der Menschen geheilt werden sollen, sondern als Kostenpunkt, der sich selbst tragen muss.

Die Folge dieses Denkens sind eine schlechtere Medizin und systematische Fehlanreize, die für die Häufung der Medizinerskandale in den letzten Jahren mitverantwortlich sind. Es ist kein Zufall, dass Krankheiten, deren Behandlung gut vergütet wird, immer häufiger werden.

Es ist auch klar, wieso manche Chefärzte sich zu moralisch fragwürdigen Abrechnungsmethoden hinreissen lassen: Sie stehen unter Druck zum Geldverdienen. Denn Spitäler und Abteilungen, die zu wenig operieren und nicht genügend Umsatz machen, werden geschlossen.

Es ist deshalb nötig und richtig, dass die Ärzteschaft sich gegen den Ersatz von Philanthropie und Humanismus durch ökonomische Prinzipien zur Wehr setzt. Eine Gruppe von Ärzten, Medizinstudenten und Ethikern arbeitet zu diesem Zweck an der Neuauflage des klassischen ärztlichen Versprechens für menschenfreundliches Handeln, dem Eid des Hippokrates.

Mit dem neuen «Schweizer Eid» sollen sich Ärzte dazu verpflichten, entgegen dem Druck aus Wirtschaft und Politik im Interesse ihrer Patienten zu handeln, soweit das in ihrer Macht steht, um so die hippokratischen Prinzipien zu bewahren.

Der «Schweizer Eid» ist aber auch als Bekenntnis zu den modernen Werten unserer Gesellschaft gedacht. Konkret heisst das, dass vereidigte Ärzte ihren Patienten zusagen, sie «ohne Diskriminierung nach Geschlecht, Religion, sexueller Orientierung und Versicherungsstatus» zu behandeln.

Bei der Arbeit der Ärztinnen und Ärzte sowie der Pflege sollten humanistische Grundsätze weiterhin vor monetären Überlegungen stehen. Die breitflächige Einführung des «Schweizer Eides» für Gesundheitsfachberufe ist der richtige erste Schritt, um dies sicherzustellen.

*Simon Maurer studiert Medizin und schreibt fürs Ressort Leben & Wissen.

Das sind die 10 Grundsätze des Schweizer Eid

1. Ich übe meinen Beruf nach bestem Wissen und Gewissen aus und nehme Verantwortung für mein Handeln wahr.

2. Ich betrachte das Wohl der Patientinnen und Patienten als vorrangig und wende jeden vermeidbaren Schaden von ihnen ab.

3. Ich achte die Rechte der Patientinnen und Patienten, wahre grundsätzlich ihren Willen und respektiere ihre Bedürfnisse sowie ihre Interessen.

4. Ich behandle die Patientinnen und Patienten ohne Ansehen der Person[1] und halte mich an das Arztgeheimnis.

5. Ich begegne den Patientinnen und Patienten mit Wohlwollen und nehme mir für ihre Anliegen (und die ihrer Angehörigen) die erforderliche Zeit.

6. Ich spreche mit den Patientinnen und Patienten ehrlich und verständlich und helfe ihnen, eigene Entscheidungen zu treffen.

7. Ich behandle die Patientinnen und Patienten nach den Regeln der ärztlichen Kunst und den aktuellen Standards, in den Grenzen meines Könnens, instrumentalisiere sie weder zu Karriere‑ noch zu anderen Zwecken und mute ihnen nichts zu, was ich mir selbst oder meinen Nächsten nicht zumuten würde.

8. Ich betreibe im Rahmen der mir zur Verfügung stehenden Möglichkeiten eine Medizin mit Augenmass und empfehle oder ergreife nur Massnahmen, die sinnvoll sind.

9. Ich wahre meine Integrität und nehme im Besonderen für die Zu‑ und Überweisung von Patientinnen und Patienten keine geldwerten Leistungen oder andersartigen Vorteile entgegen und gehe keinen Vertrag ein, der mich zu Leistungsmengen oder ‑unterlassungen nötigt.

10. Ich verhalte mich gegenüber Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen korrekt und wahrhaftig, teile mit ihnen mein Wissen und meine Erfahrung und respektiere ihre Entscheidungen und Handlungen, soweit vereinbar mit den ethischen und wissenschaftlichen Standards unseres Berufs.

[1] «Ohne Ansehen der Person» heisst: ohne Diskriminierung wegen Geschlecht, allfälliger Behinderung, Religion, sexueller Orientierung, Parteizugehörigkeit, ethnischer Herkunft, Sozial‑ oder Versicherungsstatus und Nationalität.

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