Wochenkommentar
Die Schicksale hinter der Sterbeziffer: Warum wir darüber reden müssen

Die Porträts von fünf Senioren, die an Covid-19 gestorben sind, lösen eine Debatte aus. Eine Einordnung.

Andreas Maurer
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Mahnwache vor dem Bundeshaus: Eine Kerze für jeden Todesfall.

Mahnwache vor dem Bundeshaus: Eine Kerze für jeden Todesfall.

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Der Coronatod hat sich in der Schweiz unsichtbar ausgebreitet. Am Anfang war da nur diese Kurve mit den ­Todeszahlen. Die Ziffern waren das Restrisiko, das ein freiheitliches Land wie die Schweiz in Kauf nimmt.

Mitte November änderte sich die kollektive Wahrnehmung der ­Todesfälle. Die Kurve hatte eine neue Aussagekraft erhalten. Zu diesem Zeitpunkt überstieg die Zahl der Todesfälle der zweiten Welle plötzlich jene der ersten. Das Restrisiko war nicht mehr kalkulierbar.

Langsam wurde sichtbar, wie sich der Coronatod ausbreitete. Vor dem Bundeshaus wurden Kerzen ange­zündet, eine für jeden Todesfall. Der Bundesplatz verwandelte sich in ein Lichtermeer.

In einigen Zeitungen, in denen die Todesanzeigen sonst nur eine Seite füllten, war eine zweite hinzugekommen. In vielen Anzeigen standen allerdings weiterhin Floskeln, die mehr über die Angehörigen als über die Verstorbenen aussagten. Konservative schreiben häufig, der Verstorbene habe eine Krankheit «mit Geduld und Gottvertrauen ertragen». Progressive schreiben manchmal, die Verstorbene habe «nun auch den letzten Schritt mutig gemeistert».

Todesanzeigen werden zu Warnungen

Doch zwischen diesen tradierten Formulierungen tauchen neue auf, in denen die Ursache beim Namen genannt wird.

Werner Keckeis, 66†: «Plötzlich und viel zu früh bist du nach kurzem Kampf gegen die Coronavirus- Erkrankung von uns gegangen.»

Ernst Luginbühl, 90†: «Deinem langen und gesunden Leben, das durch deine Leidenschaft für deine Familie, deinen Beruf als Lokomotivführer und die Natur geprägt war, hat das Virus nun ein abruptes Ende gesetzt.»

Rosmarie Rupp, 84†: «Du warst zu müde, ein weiteres Mal, um dein Leben zu kämpfen. Daher hörte dein angeschlagenes Herz – wegen der zusätzlichen Belastung durch das Coronavirus – auf, weiterzuschlagen.»

Hans Gremaud, 76†: «Kurz nach seinem 76. Geburtstag, infolge Erkrankung am Coronavirus, wurde er von seinem Leiden erlöst und zu sich in den ewigen Frieden gerufen.»

Karl Albiez, 79†: «Ein herzensguter und wunderbarer Mensch hat uns verlassen. Das Coronavirus war stärker als seine Lebenskraft.»

Es gibt immer mehr Todesanzeigen mit solchen Sätzen. Die Erwähnung des Coronavirus wird nun ebenfalls zu einer tradierten Formulierung. Viele Angehörige wollen damit ein Zeichen setzen. Sie wollen den Coronatod sichtbar machen.

Porträts von Verstorbenen: Darf man das?

Wir haben dreissig Traueradressen von derartigen Anzeigen kontaktiert. Fünf Familien waren bereit, ihre Geschichten zu erzählen. Sie berichteten, wie ihr Ehemann, ihre Mutter oder ihr Vater erst vor kurzem noch in der Werkstatt, auf dem Elektrovelo, im Brienzersee oder auf einer Wanderung anzutreffen war. Und wie das Virus plötzlich alles veränderte.

Eine viel gehörte Reaktion darauf lautete: Endlich wird der Tod mit echten, lebensfrohen Menschen in Verbindung gebracht und nicht nur mit einer Statistik. Es gab aber auch Kritik, die wieder Kurven und Risiken thematisierte. 67000 Menschen sterben jedes Jahr in der Schweiz, die meisten an Herz-Kreislauf-Erkrankungen (31 Prozent) und Krebs (26 Prozent). Wann wir über diese einen so langen Artikel schreiben würden, wollte jemand wissen. Eine gute Frage.

Der Tod überfordert uns. Es ist schwierig, darüber zu diskutieren, weil man dabei immer wieder zu Vergleichen kommt, die unterschiedliche Leben gegeneinander aufwiegen. Die Diskussionen können zu Streit am Familientisch und im Kommentarbereich führen. Aber es ist besser, diesen Streit auszutragen, als so zu tun, als seien diese aktuell 4250 Todesfälle nur eine Kurve, die uns nichts anginge.