Kommentar
Die Migros will Hochprozentiges verkaufen – und wird so zu einem Laden wie jeder andere

Just in einer Zeit, in der Unternehmen nicht nur den Profit, sondern auch das Gemeinwohl in den Fokus stellen, will die Migros das Alkoholverbot kippen. Es ist zwar ein logischer und ehrlicher Schritt, ist er aber auch richtig?

Roman Schenkel
Roman Schenkel
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Der Migros-Shop am Flughafen Zürich: Gibts hier künftig Wein und Bier zu kaufen?

Der Migros-Shop am Flughafen Zürich: Gibts hier künftig Wein und Bier zu kaufen?

Melanie Duchene / KEYSTONE

Die grösste Detailhändlerin der Schweiz, die Migros, könnte schon bald Alkohol verkaufen. Die Delegierten haben am Wochenende einen komplizierten Prozess angestossen. An dessen Ende werden die Genossenschaftsmitglieder in einer demokratischen Urabstimmung über die Aufnahme von Hochprozentigem ins Regal entscheiden.

Viele betrachten das Alkoholverbot bei der Migros als alten Zopf; das Erbe des Firmengründers Gottlieb Duttweiler sei nicht mehr zeitgemäss. Zumal die Migros ja selber Wasser predigt und Wein trinkt: Bei verschiedenen Töchtern des weitverzweigten Konzerns können die Kunden ohne weiteres Alkohol – und oft auch Tabak – erwerben.

Ein ehrlicher und logischer Schritt also? Das kann man so sehen.

Es entbehrt allerdings nicht einer gewissen Ironie, dass die Diskussion über das uralte Alkoholverbot just in eine Zeit fällt, in der Unternehmen mit viel Aufwand versuchen, sich als Institutionen darzustellen, die nicht nur den Profit im Visier haben. Auch auf Druck der Kundschaft wollen sie das Gemeinwohl fördern, ökologische und soziale Ziele anstreben. Neudeutsch nennt sich das «woke», es ist aber nichts anderes als das, was bei der Migros «Duttweilers Geist» heisst. Dieser weht gerade ziemlich heftig.

Seine Ideen sind gerade ziemlich populär: Gottlieb Duttweiler 1962 vor einer Migrosfiliale in Oerlikon.

Seine Ideen sind gerade ziemlich populär: Gottlieb Duttweiler 1962 vor einer Migrosfiliale in Oerlikon.

Str / PHOTOPRESS-ARCHIV

Die Migros Genossenschaften sollten sich deshalb gut überlegen, ob sie ein solches Stück Geschichte über Bord kippen wollen. Die Migros wird mit dem Verkauf von Alkohol wohl mehr Umsatz und mehr Profit machen. Sie droht aber auch etwas zu werden, das sie nie sein wollte: ein Laden wie jeder andere.

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